Sind wir nicht alle ein
bisschen Borderline?

Dass sogar die Therapeuten selbst die Borderlinestörung als entweder zu diffus betrachten, um sie ernst zu nehmen, oder aber als Pool der leichten Diagnosen sehen, aus dem man schöpfen kann, wird verständlich, wenn man sich die Diagnose- Kriterien der Borderline- Persönlichkeits- Störung anschaut. Im Diagnostischen und Statistischem Manual Psychischer Störungen von 1994, dem DSM-IV werden für die ‚Emotional instabile Persönlichkeits- Störung  vom Borderline- Typus' folgende neun Symptome beschrieben:

1. Chronische Gefühle von Leere und Langeweile
2. Starke Stimmungsschwankungen
3. Impulsivität bei potentiell selbstzerstörerischen Verhaltensweisen
4. Häufige und unangemessene Zornausbrüche oder mangelnde Kontrolle von Wut
5. Selbstverletzungen oder Selbstmordandeutungen bzw. -versuche
6. Fehlen eines klaren Ich-Identitätsgefühls
7. Unbeständige aber unangemessen intensive zwischenmenschliche Beziehungen
8. Bemühungen, die reale oder eingebildete Angst vor dem Verlassenwerden zu vermeiden
9. Paranoide Phantasien oder schwere dissoziative Symptome in Stresssituationen

Die Diagnose Borderline ist zutreffend, wenn mindestens fünf der neun Kriterien erfüllt sind. Zieht sich die Symptomatik schon durch mehrere Jahre oder ein ganzes Laben, so spricht man von der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Treten die Symptome erst jüngst oder phasenweise auf, so nennt man das Borderline-Syndrom.

Rechnerisch ergeben sich damit nicht weniger als 256 verschiedene Kombinationsmöglichkeiten (bei 5 bis 9 von 9 Kriterien). Selbst Borderliner, die nicht nur fünf, sondern mindestens sechs der genannten Punkte erfüllen gibt es noch in der erstaunlichen Vielfalt von 130 unterschiedlich ausgeprägten Typen. Beachtet man noch die recht weit gefasste Natur der einzelnen Kriterien, von denen wohl jeder Mensch schon irgendwann einmal mindestens drei an sich selbst beobachten konnte, so wird langsam deutlich, dass die Chance, kein Borderliner zu sein, rechnerisch etwas rar wird. Bedenken wir als nächstes, dass bei nur vier statt fünf erfüllten Kriterien keine Borderlinestörung vorliegt, dann sind wir Borderliner doch von den Nicht-Borderlinern kaum nennenswert entfernt.

Doch das ist natürlich blanke Theorie. Das Diagnostische Manual und die darin beschriebenen Symptome dienen dazu, ein Krankheitsbild zuordnen zu können, es zu erkennen, es zu benennen. Es ist jedoch keine geeignete Grundlage, um eine Krankheit zu verstehen oder eine Therapie zu konzipieren.

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