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Selbstdiagnose
eine Krankheit unserer Zeit
Es
besteht die Gefahr, dass ich mit folgendem Text die Hälfte meiner
Webseitenbesucher vergraule ;-)
Aber sorry, es muss sein.
So
sehr ich auch die Selbsttherapie (unter fachlicher Begleitung!!!) befürworte,
so sehr verurteile ich den verbreiteten Hang zur Selbstdiagnose im Bereich
psychischer Erkrankungen. Leider ist es gerade das Internet und Webseiten
wie die meine, die dieser Lust, sich selbst eine Krankheit zu diagnostizieren,
förderlich entgegen kommen.
Früher hat man Menschen mit besonderen Krankheiten in sogenannten
Sideshows bzw. Freakshows ausgestellt. In den 90ern stellte man sie in
Talkshows zur Schau. Und heute findet man zu jeder erdenklichen Krankheit
oder Sonderbarkeit mehrere Internetseiten, von Betroffenen oder selbsternannten
Experten ins Netz gestellt.
Medien und Pharmakonzerne fördern die Häufigkeit bestimmter
Diagnosen bzw. Selbstdiagnosen merklich. So schaffte es die Firma Roche
einst in Australien, einem großen Teil der Bevölkerung soziophobische
Beschwerden einzureden, um anschließend ihr neues angstlösendes
Medikament unters Volk zu bringen. Das Fernsehen hingegen generiert sich
seine Zielgruppe durch ausgedehnte "Aufklärungsarbeit".
War das psychopathologische Lieblingsthema in der jüngsten Vergangenheit
die Depression, so mausern sich nun die Zwangserkrankungen und bald das
Borderline-Syndrom zum neuen Einschaltquoten-Hit. Und auf der Welle reitend
jauchzt der Buchhandel ;-)
Ich will das nicht überkritisch bewerten, denn so funktioniert das
alles nun mal und ich trage mit meiner Website meinen Teil dazu bei.
Das Sonderbare einer Krankheit zu betrachten liegt in der Natur des Menschen.
Für Rudeltiere in freier Wildbahn (wie wir es einst waren) ist es
wichtig, die schwachen Elemente der Gruppe zu erkennen, um sie entweder
(Elefanten tun das) bei Bedrohung besonders zu schützen oder aber
(wie die Antilopen) sich von ihnen fern zu halten, weil sie die Gefahr
anziehen, entweder in Form von Raubtieren oder Ansteckung (ein primitiver
Urinstinkt, den man heute Diskriminierung nennt oder Xenophobie, die Angst
vor dem Andersartigen). Heute, da wir aufgrund unserer Entwicklung nicht
mehr auf unsere Urinstinkte angewiesen sein sollten, Intelligenz und kulturelle
Prägung unsere Wünsche und Ängste verändert haben,
finden wir den Elefanten und die Antilope dennoch unter uns wieder. Die
Antilope - die kennen wir alle: Das sind die intoleranten Säcke,
die jedes Sein, das von ihrem eigenen abweicht, als minderwertig empfinden
(in Wirklichkeit als bedrohlich) und ablehnen oder sogar aggressiv "bekämpfen".
Und die Elefanten? Natürlich, das sind nach unseren ideellen Wertevorstellungen
die "besseren" Menschen. Sie
nehmen Rücksicht, versuchen, zu verstehen und wollen helfen. Sie
tolerieren, integrieren, fördern und schützen.
Und wie ich das so aufzähle, wird sicher schon deutlich, dass die
Elefanten nicht gerade den Großteil unserer Gesellschaft ausmachen,
oder? ;-)
Zurück zum Selbstdiagnostiker.
Durch das Internet wurden uns mehr detaillierte Informationen über
Krankheiten zugänglich, als je durch ein Medium zuvor. Und gleichzeitig
wächst die Gruppe derer, die sich in irgendeiner dieser Krankheits-Beschreibungen
wiederzufinden glauben.
Was treibt einen Menschen dazu, ohne ärztlichen Rat und nur aufgrund
von Informationen aus dem Internet sich selbst ein Krankheitsbild zu benennen,
sich selbst eine Diagnose zu stellen? Kann es daran liegen, dass sie fälschlicherweise
glauben, mehr Rücksicht, vielleicht Aufmerksamkeit zu bekommen, oder
sogar Protektion, wenn sie eine besondere Krankheit hätten? Hoffen
sie also, dann schützenswert zu sein? Möchten sie endlich schwach
sein dürfen in unserer leistungsorientierten Gesellschaft und suchen
dafür eine Rechtfertigung?
Dann appellieren sie an den Instinkt des Elefantenrudels. Und vergessen
die Antilopen unter uns. Kranksein erzeugt öfter Ablehnung als Zuwendung,
gerade wenn es um psychische Störungen geht, die von Außenstehenden
noch zu oft einfach als Disziplinlosigkeit abgetan werden.
Verlassen
wir aber die afrikanische Wildnis und beleuchten wir noch eine andere
Seite menschlichen Verhaltens: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit
in der unübersichtlich großen, anonymen Masse. Der Mensch ist
ein Rudeltier, aber er ist keine Ameise. Er hat das Bedürfnis, einer
kleineren Gruppe anzugehören, nicht eine anonyme Arbeiterin in einem
Bienenstaat zu sein. Seinen eigenen Clan zu finden. Sich dadurch zu identifizieren.
Früher waren das die Großfamilien und auch die Dorfgemeinschaften.
Sind es heute die Internet-Communities?
Krankheiten eignen sich offenbar für eine Identifikation ausgesprochen
gut. Aber wohl nur solche Krankheiten, die möglichst neu oder populär
sind. Und die das Besondere in vermeintlich positivierter Form beinhalten.
Oder eben eine deutliche Schwäche ("bitte beschützt mich")
zum Ausdruck bringen. Warum finden sich die Selbstdiagnostiker bevorzugt
in Krankheiten wieder wie dem chronische Müdigkeitssyndrom, dem Burnout-Syndrom,
Depressionen, Bipolarität (= Manisch-Depressiv), Phobien und Borderline?
Warum nicht Narzissmus, Psychosen, Antisoziale Persönlichkeitsstörung,
Verfolgungswahn, Hypochondrie und Debilität?
Das ist bei den körperlichen Krankheitsbildern ja ähnlich. Eine
Migräne macht ordentlich was her und prompt scheint jeder zweite
ein Migränepatient zu sein. Hämorrhoiden hingegen werden nicht
so gerne genommen. Inkontinenz und Fußpilz stehen in der Beliebtheitsliste
der Selbstdiagnostiker auch nicht gerade auf den ersten Rängen, obwohl
man dafür ziemlich tough sein muss ;-)
Eine
dritte Möglichkeit:
Der Selbstdiagnostiker findet sich tatsächlich in der Beschreibung
einer Krankheit wieder. Hat er dann nicht recht, sich diese Diagnose zu
stellen? Liegt es dann nicht auf der Hand?
Nein, so einfach ist es eben nicht.
Denn psychischen Krankheiten liegt eine Tücke anheim, welche eine
Selbstdiagnose oder eine Diagnose durch sonstige Laien eigentlich grundsätzlich
ausschließt. Das ist die Subjektivität.
Symptome psychischer Krankheiten sind nüchtern beschrieben emotionale
oder geistige Zustände, die jeder Gesunde im Ansatz ebenso an sich
selber kennt. "Fühlen Sie sich oft allein?" Ja sicher!
"Haben Sie Stimmungsschwankungen?" Aber klar! "Denken Sie
manchmal, das Leben habe keinen Sinn für Sie?" Na, entschuldigung
mal! Die Suche nach dem Sinn des Lebens macht den Menschen ja in gewisser
Weise erst aus!
Es ist eigentlich kaum möglich, sich in solchen Fragenkatalogen NICHT
wiederzufinden. Eben wegen der Subjektivität. Da wir alle bisher
nun mal nur in unserer eigenen Haut gesteckt haben, können wir absolut
nicht beurteilen, ob unsere Eigenheiten "normal" oder "abweichend"
sind. Wozu auch, solange wir mit diesen Eigenheiten durchaus vorwärts
kommen?
Wann wird denn aus dem üblichen Auf und Ab menschlicher Emotionen
und Befindlichkeiten ein pathologischer Zustand, eine Krankheit also?
Erst dann, wenn sie eine deutliche Beeinträchtigung der Lebensumstände
nach sich ziehen. Erst dann, wenn diese Beschwerden sich in Dauer und
Intensität von dem der einigermaßen ausgeglichenen Personen
deutlich unterscheiden, was wirklich nur Fachleute beurteilen können.
Und vor allem erst dann, wenn Schmerz oder Leidensdruck vorliegen.
Was
ist Krankheit also?
Sie stellt immer eine Krise (Krise im medizinischen, nicht im umgangssprachlichen
Sinne) dar, das Gleichgewicht des Organismus, ist gestört. Sie beeinträchtigt
in akuter oder andauernder Weise unsere körperliche und/oder psychische
Befindlichkeit und wirkt sich dadurch auf unser persönliches Umfeld
aus, d.h. übliche Tätigkeiten und soziale Interaktionen können
nicht mehr adäquat ausgeführt oder wahrgenommen werden. Wir
sind für die Dauer der Krankheit in unserem Leben stark eingeschränkt.
Die Einschränkung wird aufgehoben entweder durch Genesung oder durch
Ausgleich der Einschränkung mit einer passenden Medikation bzw. therapeutischen
Maßnahme. Oder eben gar nicht, im schlechtesten Fall.
Krankheit bringt, wie gesagt, außerdem Leidensdruck mit sich. Entweder
durch Schmerzen oder aufgrund oben genannter Einschränkungen. Auch
psychische Krankheiten erzeugen eine Art Schmerz. Ich persönlich
würde Borderline sogar als verdammt schmerzvoll bezeichnen. Und mein
zweitgrößter Wunsch wäre, dieser Schmerz würde eines
Tages von mir genommen (mein größter Wunsch ist natürlich,
dass mein Sohn niemals solche oder ähnlich Schmerzen erleiden muss).
Deswegen erscheint es mir vielleicht so grotesk, dass Menschen anhand
eines selbstdiagnostischen Fragebogens oder aus den Texten dieser Website
für sich selbst "ausrechnen", Borderliner zu sein. Hätten
sie wirklich diesen drückenden Schmerz, müssten sie dann Fragebögen
beantworten?? Allein dieser Leidensdruck treibt doch einen Kranken irgendwann
zum Arzt, Heilpraktiker oder Psychologen, um geeignete Maßnahmen
zu besprechen. Oder er landet durch Einweisung in einer Klinik.
Ist
es aber vielleicht gerade der Leidensdruck, der zur Selbstdiagnose führt?
Ich würde eher sagen, dass es eine Art undifferenzierte Sehnsucht
ist, die zur Selbstdiagnose führt, also auch eine Art Schmerz, nur
eben nicht der, den die Krankheit erzeugen würde. Die meisten Selbstdiagnostiker
haben gemeinsam, dass sie auch nach dem Auffinden ihrer vermeintlich passenden
Diagnose unsinnigerweise keine Fachfrau und keinen Fachmann aufsuchen.
Wieso? Möchten sie nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen,
damit ihr Zustand sich bessert? "Ich halte nicht viel von Psychologen
und Ärzten", sagt der Selbstdiagnostiker dann gerne, als sei
ihm eine unendliche Weisheit in die Wiege gelegt. Wie groß aber
kann ein Leiden sein, gegen das man nicht JEDE Möglichkeit auszuschöpfen
versucht? Oder hat sich sein Schmerz in dem Moment gebessert, da er endlich
eine Diagnose fand, eine Zugehörigkeit, die Bestätigung etwas
Besonderes zu sein? Menschen, die sich selbst eine Diagnose stellen, sind
offenbar zufrieden mit ihrer neuen Identifikation. Sie brauchen die Diagnose
nicht, um endlich passende Hilfe zu finden, Sie brauchen die Diagnose
nur um der Diagnose willen. Da die Selbstdiagnose meistens - wie oben
erwähnt - ein gerade populäres Krankheitsbild betreffen wird,
warten außerdem besagte Internet-Communities darauf, das neue Familienmitglied
aufzufangen, zu ermutigen und zu bedauern. Der Leidensdruck (der eben
meiner Ansicht nach eher aus der diffusen Sehnsucht herrührt, als
aus dem gewählten Krankheitsbild) bessert sich dadurch automatisch.
Der österreichische Publizist Karl Kraus meinte mal, eine der verbreitesten
Krankheiten sei die Diagnose. Ich hingegen sage: Die weitaus populärere
Krankheit ist die Selbstdiagnose!
Natürlich
sind auch die Fachleute, denen das Diagnostizieren von Krankheiten vorbehalten
sein sollte, nicht vor dem Einfluss der Popularität einer Krankheit
gefeit. Dennoch haben sie einen weitaus differenzierteren Blick auf die
Sache, als der selbstdiagnostizierende Laie. Als Aussenstehende sind sie
in der Lage, die subjektiven Befindlichkeiten des Klienten objektiver
zu beurteilen, sie in Relation zu setzen zu den Schilderungen anderer
Klienten. Aus ihrer Berufspraxis erkennen sie außerdem wiederkehrende
Verknüpfungen von Symptomen. Auch das Verhalten des Klienten im Gespräch
gibt dem Diagnostiker weitere Informationen (die der Betroffene selbst
aufgrund seiner Subjektivität niemals ergänzend betrachten könnte)
und last but not least ist dem Fachmann beim Erstellen einer Diagnose
auch das soziale Umfeld und die sogenannte Anamnese, also die Vorgeschichte,
eine ganz entscheidend wichtige Informationsquelle. Diagnosen werden auch
nicht mal eben anhand eines Fragebogens erstellt. Das funktioniert nur
durch intensive Gespräche. Der Psychologe oder Arzt wird zunächst
eine Vordiagnose, eine sogenannte Verdachtsdiagnose stellen und anschließend
alle Hinweise, die er aus folgenden Gesprächen bekommt, mit der Verdachtsdiagnose
abgleichen, sie gegebenenfalls verwerfen oder bestätigen. Erst dann
bekommt die Krankenkasse mitgeteilt, aufgrund welcher Diagnose behandelt
wird. Hierbei gibt es selbstverständlich Überschneidungen. Der
Mensch ist nicht katalogisierbar. Das weiß der Behandelnde, das
weiß die Krankenkasse und das weiß auch die Weltgesundheitsorganisation,
die eine internationale Klassifikation aller Krankheiten festlegt (derzeit
aktuell: ICD-10). Dennoch hilft eine möglichst differenzierte Abgrenzung
eines Krankheitsbildes dabei, dass nicht alle wild umeinander therapieren.
Eine grundsätzlich also eher positive Idee, wennauch bürokratisch
und nie 100% eindeutig durchführbar.
Das Erstellen einer Diagnose ist also ein Prozess, der Zeit in Anspruch
nimmt. Es ist ein Prozess, der Erfahrung und Informationen voraussetzt.
Der Betroffene kann sich jederzeit in die Diagnostizierung einbringen.
Ein guter Psychologe wird den kritischen Dialog mit dem Klienten sehr
begrüßen. So treffen zwei Fachleute mit verschiedenen Kernkompetenzen
aufeinander. Na, wenn das kein Team ist! Kann überhaupt einer ohne
den anderen eine Diagnose erstellen?
Ich frage nochmal:
Kann hier einer ohne den anderen eine Diagnose erstellen???
Eine
Krankheit wird also diagnostiziert, wenn eine besondere Beeinträchtigung
der Lebensumstände vorliegt, Schmerz oder Leidensdruck vorhanden
sind und der Organismus im Ungleichgewicht ist.
Alles
andere, lieber Wanderer im Netz, ist nur dein Charakter. Das bist
du. Mit Leid und Freud. Mit Auf und Ab. Mit kleinen und großen
Spinnereien, Ängsten und Sonderbarkeiten. Du bist nicht krank. Du
bist nur besonders. Einzigartig. So wie jeder von uns. Wäre das nicht
ein Grund zur Erleichterung?
Sich anders zu fühlen, als der Rest der Masse spricht sehr positiv
für deine philosophische Begabung. Und wusstest du, dass mehr als
die Hälfte besagter Masse genauso fühlt? Man nennt das Individualität.
Nicht Krankheit. Normalität existiert nur als Idee. Jeder Mensch
trägt diese Idee in einer Art kulturellem, kollektiven Gedächtnis
mit sich. Aber niemand würde jemals ensthaft von sich behaupten,
dieser Idee in allen Teilen zu entsprechen. Und doch erliegt man der Illusion,
die anderen seien "normal" und man selbst sei eben anders. Pathologisch
anders womöglich.
Die intellektuellen Fähigkeiten, die uns die Evolution beschert hat,
bringt ein "Erkennen" mit sich, das einen feinfühligen
Menschen zwangsläufig innerlich zerreissen muss. Die Erkenntnis
übergeordneter Zusammenhänge, Wissenschaft contra Spiritualität,
die Entzauberung der Liebe, jeder Gedanke an das Universum stürzt
den Menschen in eine Sinnkrise. Wir haben zu viel Verstand, um glücklich
zu sein. Und doch ist es gerade unser Verstand, der uns helfen kann, uns
die Fähigkeit zum Glücklichsein zu erarbeiten. Mit emotionalem
Chaos muss jeder Mensch zu leben lernen. Er beginnt damit in der Pubertät
und beendet dieses Projekt vielleicht irgendwann mit 70, wenn er gut ist
;-)
Doch das - bitte glaubt einer Kranken, die gerne gesund wäre - ist
noch kein Borderline.
Only
my two cents,
Blossom:) 
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