"Über drei Dinge wird in unseren Tagen zuviel geschrieben und geredet:
Über Kunst, Gesundheit und Erziehung.
Folge davon ist, daß wir unkünstlerisch, kränkelnd
und ungezogen geworden sind.
"
  (Peter Rosegger )


Selbstdiagnose

eine Krankheit unserer Zeit

Es besteht die Gefahr, dass ich mit folgendem Text die Hälfte meiner Webseitenbesucher vergraule ;-)
Aber sorry, es muss sein.

So sehr ich auch die Selbsttherapie (unter fachlicher Begleitung!!!) befürworte, so sehr verurteile ich den verbreiteten Hang zur Selbstdiagnose im Bereich psychischer Erkrankungen. Leider ist es gerade das Internet und Webseiten wie die meine, die dieser Lust, sich selbst eine Krankheit zu diagnostizieren, förderlich entgegen kommen.

Früher hat man Menschen mit besonderen Krankheiten in sogenannten Sideshows bzw. Freakshows ausgestellt. In den 90ern stellte man sie in Talkshows zur Schau. Und heute findet man zu jeder erdenklichen Krankheit oder Sonderbarkeit mehrere Internetseiten, von Betroffenen oder selbsternannten Experten ins Netz gestellt.
Medien und Pharmakonzerne fördern die Häufigkeit bestimmter Diagnosen bzw. Selbstdiagnosen merklich. So schaffte es die Firma Roche einst in Australien, einem großen Teil der Bevölkerung soziophobische Beschwerden einzureden, um anschließend ihr neues angstlösendes Medikament unters Volk zu bringen. Das Fernsehen hingegen generiert sich seine Zielgruppe durch ausgedehnte "Aufklärungsarbeit". War das psychopathologische Lieblingsthema in der jüngsten Vergangenheit die Depression, so mausern sich nun die Zwangserkrankungen und bald das Borderline-Syndrom zum neuen Einschaltquoten-Hit. Und auf der Welle reitend jauchzt der Buchhandel ;-)
Ich will das nicht überkritisch bewerten, denn so funktioniert das alles nun mal und ich trage mit meiner Website meinen Teil dazu bei.

Das Sonderbare einer Krankheit zu betrachten liegt in der Natur des Menschen. Für Rudeltiere in freier Wildbahn (wie wir es einst waren) ist es wichtig, die schwachen Elemente der Gruppe zu erkennen, um sie entweder (Elefanten tun das) bei Bedrohung besonders zu schützen oder aber (wie die Antilopen) sich von ihnen fern zu halten, weil sie die Gefahr anziehen, entweder in Form von Raubtieren oder Ansteckung (ein primitiver Urinstinkt, den man heute Diskriminierung nennt oder Xenophobie, die Angst vor dem Andersartigen). Heute, da wir aufgrund unserer Entwicklung nicht mehr auf unsere Urinstinkte angewiesen sein sollten, Intelligenz und kulturelle Prägung unsere Wünsche und Ängste verändert haben, finden wir den Elefanten und die Antilope dennoch unter uns wieder. Die Antilope - die kennen wir alle: Das sind die intoleranten Säcke, die jedes Sein, das von ihrem eigenen abweicht, als minderwertig empfinden (in Wirklichkeit als bedrohlich) und ablehnen oder sogar aggressiv "bekämpfen". Und die Elefanten? Natürlich, das sind nach unseren ideellen Wertevorstellungen die "besseren" Menschen. Sie nehmen Rücksicht, versuchen, zu verstehen und wollen helfen. Sie tolerieren, integrieren, fördern und schützen.
Und wie ich das so aufzähle, wird sicher schon deutlich, dass die Elefanten nicht gerade den Großteil unserer Gesellschaft ausmachen, oder? ;-)


Zurück zum Selbstdiagnostiker.
Durch das Internet wurden uns mehr detaillierte Informationen über Krankheiten zugänglich, als je durch ein Medium zuvor. Und gleichzeitig wächst die Gruppe derer, die sich in irgendeiner dieser Krankheits-Beschreibungen wiederzufinden glauben.
Was treibt einen Menschen dazu, ohne ärztlichen Rat und nur aufgrund von Informationen aus dem Internet sich selbst ein Krankheitsbild zu benennen, sich selbst eine Diagnose zu stellen? Kann es daran liegen, dass sie fälschlicherweise glauben, mehr Rücksicht, vielleicht Aufmerksamkeit zu bekommen, oder sogar Protektion, wenn sie eine besondere Krankheit hätten? Hoffen sie also, dann schützenswert zu sein? Möchten sie endlich schwach sein dürfen in unserer leistungsorientierten Gesellschaft und suchen dafür eine Rechtfertigung?
Dann appellieren sie an den Instinkt des Elefantenrudels. Und vergessen die Antilopen unter uns. Kranksein erzeugt öfter Ablehnung als Zuwendung, gerade wenn es um psychische Störungen geht, die von Außenstehenden noch zu oft einfach als Disziplinlosigkeit abgetan werden.

Verlassen wir aber die afrikanische Wildnis und beleuchten wir noch eine andere Seite menschlichen Verhaltens: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit in der unübersichtlich großen, anonymen Masse. Der Mensch ist ein Rudeltier, aber er ist keine Ameise. Er hat das Bedürfnis, einer kleineren Gruppe anzugehören, nicht eine anonyme Arbeiterin in einem Bienenstaat zu sein. Seinen eigenen Clan zu finden. Sich dadurch zu identifizieren. Früher waren das die Großfamilien und auch die Dorfgemeinschaften. Sind es heute die Internet-Communities?
Krankheiten eignen sich offenbar für eine Identifikation ausgesprochen gut. Aber wohl nur solche Krankheiten, die möglichst neu oder populär sind. Und die das Besondere in vermeintlich positivierter Form beinhalten. Oder eben eine deutliche Schwäche ("bitte beschützt mich") zum Ausdruck bringen. Warum finden sich die Selbstdiagnostiker bevorzugt in Krankheiten wieder wie dem chronische Müdigkeitssyndrom, dem Burnout-Syndrom, Depressionen, Bipolarität (= Manisch-Depressiv), Phobien und Borderline? Warum nicht Narzissmus, Psychosen, Antisoziale Persönlichkeitsstörung, Verfolgungswahn, Hypochondrie und Debilität?
Das ist bei den körperlichen Krankheitsbildern ja ähnlich. Eine Migräne macht ordentlich was her und prompt scheint jeder zweite ein Migränepatient zu sein. Hämorrhoiden hingegen werden nicht so gerne genommen. Inkontinenz und Fußpilz stehen in der Beliebtheitsliste der Selbstdiagnostiker auch nicht gerade auf den ersten Rängen, obwohl man dafür ziemlich tough sein muss ;-)

Eine dritte Möglichkeit:
Der Selbstdiagnostiker findet sich tatsächlich in der Beschreibung einer Krankheit wieder. Hat er dann nicht recht, sich diese Diagnose zu stellen? Liegt es dann nicht auf der Hand?
Nein, so einfach ist es eben nicht.
Denn psychischen Krankheiten liegt eine Tücke anheim, welche eine Selbstdiagnose oder eine Diagnose durch sonstige Laien eigentlich grundsätzlich ausschließt. Das ist die Subjektivität.
Symptome psychischer Krankheiten sind nüchtern beschrieben emotionale oder geistige Zustände, die jeder Gesunde im Ansatz ebenso an sich selber kennt. "Fühlen Sie sich oft allein?" Ja sicher! "Haben Sie Stimmungsschwankungen?" Aber klar! "Denken Sie manchmal, das Leben habe keinen Sinn für Sie?" Na, entschuldigung mal! Die Suche nach dem Sinn des Lebens macht den Menschen ja in gewisser Weise erst aus!

Es ist eigentlich kaum möglich, sich in solchen Fragenkatalogen NICHT wiederzufinden. Eben wegen der Subjektivität. Da wir alle bisher nun mal nur in unserer eigenen Haut gesteckt haben, können wir absolut nicht beurteilen, ob unsere Eigenheiten "normal" oder "abweichend" sind. Wozu auch, solange wir mit diesen Eigenheiten durchaus vorwärts kommen?
Wann wird denn aus dem üblichen Auf und Ab menschlicher Emotionen und Befindlichkeiten ein pathologischer Zustand, eine Krankheit also? Erst dann, wenn sie eine deutliche Beeinträchtigung der Lebensumstände nach sich ziehen. Erst dann, wenn diese Beschwerden sich in Dauer und Intensität von dem der einigermaßen ausgeglichenen Personen deutlich unterscheiden, was wirklich nur Fachleute beurteilen können. Und vor allem erst dann, wenn Schmerz oder Leidensdruck vorliegen.

Was ist Krankheit also?
Sie stellt immer eine Krise (Krise im medizinischen, nicht im umgangssprachlichen Sinne) dar, das Gleichgewicht des Organismus, ist gestört. Sie beeinträchtigt in akuter oder andauernder Weise unsere körperliche und/oder psychische Befindlichkeit und wirkt sich dadurch auf unser persönliches Umfeld aus, d.h. übliche Tätigkeiten und soziale Interaktionen können nicht mehr adäquat ausgeführt oder wahrgenommen werden. Wir sind für die Dauer der Krankheit in unserem Leben stark eingeschränkt. Die Einschränkung wird aufgehoben entweder durch Genesung oder durch Ausgleich der Einschränkung mit einer passenden Medikation bzw. therapeutischen Maßnahme. Oder eben gar nicht, im schlechtesten Fall.
Krankheit bringt, wie gesagt, außerdem Leidensdruck mit sich. Entweder durch Schmerzen oder aufgrund oben genannter Einschränkungen. Auch psychische Krankheiten erzeugen eine Art Schmerz. Ich persönlich würde Borderline sogar als verdammt schmerzvoll bezeichnen. Und mein zweitgrößter Wunsch wäre, dieser Schmerz würde eines Tages von mir genommen (mein größter Wunsch ist natürlich, dass mein Sohn niemals solche oder ähnlich Schmerzen erleiden muss). Deswegen erscheint es mir vielleicht so grotesk, dass Menschen anhand eines selbstdiagnostischen Fragebogens oder aus den Texten dieser Website für sich selbst "ausrechnen", Borderliner zu sein. Hätten sie wirklich diesen drückenden Schmerz, müssten sie dann Fragebögen beantworten?? Allein dieser Leidensdruck treibt doch einen Kranken irgendwann zum Arzt, Heilpraktiker oder Psychologen, um geeignete Maßnahmen zu besprechen. Oder er landet durch Einweisung in einer Klinik.

Ist es aber vielleicht gerade der Leidensdruck, der zur Selbstdiagnose führt?
Ich würde eher sagen, dass es eine Art undifferenzierte Sehnsucht ist, die zur Selbstdiagnose führt, also auch eine Art Schmerz, nur eben nicht der, den die Krankheit erzeugen würde. Die meisten Selbstdiagnostiker haben gemeinsam, dass sie auch nach dem Auffinden ihrer vermeintlich passenden Diagnose unsinnigerweise keine Fachfrau und keinen Fachmann aufsuchen. Wieso? Möchten sie nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, damit ihr Zustand sich bessert? "Ich halte nicht viel von Psychologen und Ärzten", sagt der Selbstdiagnostiker dann gerne, als sei ihm eine unendliche Weisheit in die Wiege gelegt. Wie groß aber kann ein Leiden sein, gegen das man nicht JEDE Möglichkeit auszuschöpfen versucht? Oder hat sich sein Schmerz in dem Moment gebessert, da er endlich eine Diagnose fand, eine Zugehörigkeit, die Bestätigung etwas Besonderes zu sein? Menschen, die sich selbst eine Diagnose stellen, sind offenbar zufrieden mit ihrer neuen Identifikation. Sie brauchen die Diagnose nicht, um endlich passende Hilfe zu finden, Sie brauchen die Diagnose nur um der Diagnose willen. Da die Selbstdiagnose meistens - wie oben erwähnt - ein gerade populäres Krankheitsbild betreffen wird, warten außerdem besagte Internet-Communities darauf, das neue Familienmitglied aufzufangen, zu ermutigen und zu bedauern. Der Leidensdruck (der eben meiner Ansicht nach eher aus der diffusen Sehnsucht herrührt, als aus dem gewählten Krankheitsbild) bessert sich dadurch automatisch.
Der österreichische Publizist Karl Kraus meinte mal, eine der verbreitesten Krankheiten sei die Diagnose. Ich hingegen sage: Die weitaus populärere Krankheit ist die Selbstdiagnose!

Natürlich sind auch die Fachleute, denen das Diagnostizieren von Krankheiten vorbehalten sein sollte, nicht vor dem Einfluss der Popularität einer Krankheit gefeit. Dennoch haben sie einen weitaus differenzierteren Blick auf die Sache, als der selbstdiagnostizierende Laie. Als Aussenstehende sind sie in der Lage, die subjektiven Befindlichkeiten des Klienten objektiver zu beurteilen, sie in Relation zu setzen zu den Schilderungen anderer Klienten. Aus ihrer Berufspraxis erkennen sie außerdem wiederkehrende Verknüpfungen von Symptomen. Auch das Verhalten des Klienten im Gespräch gibt dem Diagnostiker weitere Informationen (die der Betroffene selbst aufgrund seiner Subjektivität niemals ergänzend betrachten könnte) und last but not least ist dem Fachmann beim Erstellen einer Diagnose auch das soziale Umfeld und die sogenannte Anamnese, also die Vorgeschichte, eine ganz entscheidend wichtige Informationsquelle. Diagnosen werden auch nicht mal eben anhand eines Fragebogens erstellt. Das funktioniert nur durch intensive Gespräche. Der Psychologe oder Arzt wird zunächst eine Vordiagnose, eine sogenannte Verdachtsdiagnose stellen und anschließend alle Hinweise, die er aus folgenden Gesprächen bekommt, mit der Verdachtsdiagnose abgleichen, sie gegebenenfalls verwerfen oder bestätigen. Erst dann bekommt die Krankenkasse mitgeteilt, aufgrund welcher Diagnose behandelt wird. Hierbei gibt es selbstverständlich Überschneidungen. Der Mensch ist nicht katalogisierbar. Das weiß der Behandelnde, das weiß die Krankenkasse und das weiß auch die Weltgesundheitsorganisation, die eine internationale Klassifikation aller Krankheiten festlegt (derzeit aktuell: ICD-10). Dennoch hilft eine möglichst differenzierte Abgrenzung eines Krankheitsbildes dabei, dass nicht alle wild umeinander therapieren. Eine grundsätzlich also eher positive Idee, wennauch bürokratisch und nie 100% eindeutig durchführbar.

Das Erstellen einer Diagnose ist also ein Prozess, der Zeit in Anspruch nimmt. Es ist ein Prozess, der Erfahrung und Informationen voraussetzt. Der Betroffene kann sich jederzeit in die Diagnostizierung einbringen. Ein guter Psychologe wird den kritischen Dialog mit dem Klienten sehr begrüßen. So treffen zwei Fachleute mit verschiedenen Kernkompetenzen aufeinander. Na, wenn das kein Team ist! Kann überhaupt einer ohne den anderen eine Diagnose erstellen?
Ich frage nochmal:
Kann hier einer ohne den anderen eine Diagnose erstellen???

Eine Krankheit wird also diagnostiziert, wenn eine besondere Beeinträchtigung der Lebensumstände vorliegt, Schmerz oder Leidensdruck vorhanden sind und der Organismus im Ungleichgewicht ist.

Alles andere, lieber Wanderer im Netz, ist nur dein Charakter. Das bist du. Mit Leid und Freud. Mit Auf und Ab. Mit kleinen und großen Spinnereien, Ängsten und Sonderbarkeiten. Du bist nicht krank. Du bist nur besonders. Einzigartig. So wie jeder von uns. Wäre das nicht ein Grund zur Erleichterung?
Sich anders zu fühlen, als der Rest der Masse spricht sehr positiv für deine philosophische Begabung. Und wusstest du, dass mehr als die Hälfte besagter Masse genauso fühlt? Man nennt das Individualität. Nicht Krankheit. Normalität existiert nur als Idee. Jeder Mensch trägt diese Idee in einer Art kulturellem, kollektiven Gedächtnis mit sich. Aber niemand würde jemals ensthaft von sich behaupten, dieser Idee in allen Teilen zu entsprechen. Und doch erliegt man der Illusion, die anderen seien "normal" und man selbst sei eben anders. Pathologisch anders womöglich.
Die intellektuellen Fähigkeiten, die uns die Evolution beschert hat, bringt ein "Erkennen" mit sich, das einen feinfühligen Menschen zwangsläufig innerlich zerreissen muss. Die Erkenntnis übergeordneter Zusammenhänge, Wissenschaft contra Spiritualität, die Entzauberung der Liebe, jeder Gedanke an das Universum stürzt den Menschen in eine Sinnkrise. Wir haben zu viel Verstand, um glücklich zu sein. Und doch ist es gerade unser Verstand, der uns helfen kann, uns die Fähigkeit zum Glücklichsein zu erarbeiten. Mit emotionalem Chaos muss jeder Mensch zu leben lernen. Er beginnt damit in der Pubertät und beendet dieses Projekt vielleicht irgendwann mit 70, wenn er gut ist  ;-)
Doch das - bitte glaubt einer Kranken, die gerne gesund wäre - ist noch kein Borderline.

Only my two cents,
Blossom:)                                                   

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