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SVV - Selbstverletzendes Verhalten

"Es ist, als wenn der Schmerz aus einem läuft."

Das Borderline-Syndrom ist seit ca 10 Jahren eine Art Mode-Diagnose. Da es so viele Symptome in sich vereint, ist es schnell bei der Hand und trifft quasi immer. Meint man. Aufgrund der desolaten familiären und zwischenmenschlichen Zustände in unserer Gesellschaft ist es natürlich nicht ganz abwegig, dass es immer mehr psychisch kranke Menschen gibt. Aber ob das nun alles gleich immer das Borderline-Syndrom ist, das bleibt doch zu bezweifeln. Man neigt neuerdings dazu, die Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus in weitere Kategorien zu unterteilen. Diese unterscheiden sich außerordentlich voneinander. Andere Tendenzen schlagen vor, dass zur Diagnose BPS (Borderline-Persönlichkeits-Störung) in jedem Fall Selbstverletzungen (vergangene oder gegenwärtige) vorliegen müssen.


SVV. Selbstverletzendes Verhalten. Das ist eine sonderbare Entwicklung (oder besser Verwicklung? ;-)) unseres Geistes. Das Verletzen des eigenen Körpers, so die Therapeuten, diene dem Spannungsabbau. Da der Borderliner Unstimmigkeiten in seiner Umwelt nur schlecht ertragen kann (und dazu gehört schon die kleinste Kritik durch Kollegen oder Partner), lebt er in einem permanent erhöhten Stresslevel. Das ist für den Körper außerordentlich belastend. Im Vergleich: Wenn ein normal reflektierender Mensch in Stress gerät, so mobilisiert er kurzzeitig seine Reserven - der Körper gibt nochmal alles. Das war wohl früher sehr sinnvoll in Flucht- oder Jagdsituationen, oder aber bei der Werbung um einen potentiellen Partner. Dann fährt der Körper wieder auf durchschnittliche Anspannung oder Entspannung zurück. Für den Bordi aber gerät um ein vielfaches schneller in diese erhöhte Anspannung (wegen augenscheinlich nichtiger Anlässe) und kommt dadurch auch schneller an seine Grenzen. Wenn alle Reserven aufgebraucht sind, schaltet der Körper einfach irgendwie ab. Mehr geht dann einfach nicht. Der Mensch fällt in eine Art Trance, einen Zustand zwar vollen Bewusstseins, aber eingeschränkter Empfindungsfähigkeit. Gefühle sind dann eigentlich gar nicht mehr vorhanden, nichtmal mehr konkret die Wut oder Traurigkeit. Was aber noch spürbar ist, ist ein diffuser Druck, den man nicht mehr beschreiben kann. Die Neurologen nennen diesen Zustand "Dissosziation".
Unser Organismus hat hier nun ein interessantes Notfallprogramm entwickelt. Ein Mensch, der dissoziiert verspürt meistens den Wunsch, sich in die Haut zu ritzen, die heisse Herdplatte anzufassen oder den Kopf gegen die Wand zu schlagen. Und das selbst dann, wenn er noch nie etwas über selbstverletzendes Verhalten gehört hat. Wenn während der Dissoziation eine Schmerzeinwirkung geschieht, so wird sie nicht als Schmerz wahrgenommen. Das Messer gleitet sanft durch die Haut und verursacht allenfalls ein leichtes Ziehen. Wohl aber bewirkt die Verletzung wohl eine Ausschüttung von Adrenalin, das anscheinend - und man weiß noch nicht warum und wie - den dissoziativen Zustand aufzuheben vermag. Soweit jedenfalls die medizinische Erklärung. Liegt es also tatsächlich nur am Spannungsabbau, so könnte auch das Halten von Eiswürfeln, eine Runde Joggen oder das Essen einer Chilischote denselben Effekt erzielen. All das sorgt für Ausschüttung von Adrenalin.
Aber es ist soviel mehr.


Für mich selbst war das Schneiden immer auch etwas Rituelles, auch wenn mir das selbst nicht besonders gefällt. Es mag nicht leicht nachzuvollziehen sein, aber es hatte auch etwas mit Liebe zu tun. Mit Selbstliebe. Wenn ich mich wieder nach allen Seiten so zu verhalten versuchte, wie man es von mir erwartete (was natürlich mit der Anstrengung einherging, mich permanent arg verstellen zu müssen und einen funktionierenden, kontaktfreudigen, belastbaren und liebenswerten Zeitgenossen zu spielen - ein unglaublicher Stress!) und ich wieder an meine Grenze kam, dann kam der Wunsch, zu schneiden. Und dabei empfand ich es als wohltuend, etwas zu machen, was von keiner der Seiten, in die ich mich gezerrt fühlte, auch nur ansatzweise toleriert oder verstanden werden konnte. Es war das einzig authentische, was mir übrig blieb.
Ich liebte Wunden, die möglichst lange brauchten, um zu verheilen und solange die Wunden sichtbar waren, fühlte ich mich etwas entspannter. Sie waren eine Verbindung zu mir selbst. Es war, als wäre die verletzte Stelle meines Körpers die einzige Stelle, die wirklich nur mir gehörte, während ich alles andere verloren hatte. Diese eine Stelle, auf welcher der Schnitt oder die Verbrennung prangte, diese Stelle wollte definitif niemand haben. Sie war wie verseucht, wie kontaminiert für andere. Für mich aber das einzig heile, unversehrte Stück Fleisch, das ich noch an mir hatte. Ich trug es mit Stolz, versteckte es aber dennoch sorgfältig vor den Blicken anderer.

Und noch eine andere Funktion hatte das Schneiden. Es war manchmal auch Bestrafung. Wie die meisten Borderliner bin ich ständig geplagt von Schuld- und Schamgefühlen. Ich hasse mich, wenn ich wieder einen dusseligen Fehler gemacht habe - ein Beweis für mich, dass man mich unmöglich lieben kann - und ich schäme ich für diese Fehler. Fehler, die objektiv gesehen eigentlich jeder macht. Die ich mir aber einfach nicht verzeihe. Diese Schuldgefühle führten oft zur Selbstverletzung.

Ich spreche in der Vergangenheitsform. Folglich gehört für mich das Schneiden der Vergangenheit an. Geheilt? Nein. Sicher nicht. Mir stand nie der Sinn danach, ausgerechnet mein selbstverletzendes Verhalten zu heilen. SVV ist eigentlich eine Sache, die den Betroffenen von all den Symptomen, die er mit sich rumschleppt am wenigsten beeinträchtigen (sofern wir uns auf die Verletzung beschränken und das Selbstschädigende Verhalten, wie Eßstörungen, Alkoholismus- und Drogensucht o.ä. mal beiseite lassen). Die Wunden sind meistens oberflächlich und können leicht versorgt werden. Der größte Schaden, der dem Selbstverletzer meines Erachtens entsteht resultiert aus der mangelnden Akzeptanz der Gesellschaft und dem damit verbundenen Versteckspiel. Mein letzter Therapeut (wie gesagt: für Therapeuten ist SVV eine Maßnahme zum Spannungabbau) war ein Raucher. Ich habe Probleme damit, mir von jemandem, der zum Spannungsabbau zwanghaft seine Lunge mit Giften verklebt, sagen zu lassen, ich solle mir nicht die Haut aufritzen, sondern stattdessen Eiswürfel lutschen. Ich denke mal, meine Haut nimmt mir meinen "Spannungsabbau" weniger übel, als seine Lunge ihm den seinen.
Aber ich schweife ab...
Der Grund, warum ich nicht mehr ritze liegt in meiner soziophobischen Angststörung. Soziophobie, das bedeutet Angst vor den Menschen. Meine Soziophobie holt mich phasenweise ein. Zuerst wurde mir das Arbeiten unter Kollegen unmöglich, dann jede Art von Freundschaften und gelegentlich habe ich sogar Probleme, Einzukaufen, zu Telefonieren, Spazieren zu gehen. So ungünstig diese Entwicklung auch ist - es stellte sich heraus, dass mein SVV in direkten Zusammenhang mit dem Kontakt zu Menschen steht. Auch in Phasen der Isolation habe ich Stresszustände, Dissoziationen, diffusen Druck usw. Aber er führt nicht zu dem Drang, sich selbst zu verletzen. Das bringt mich zu der Vermutung, dass eben doch die Schuld- und Schamgefühle (Scham über die eigene Unzulänglichkeit, das Nicht-Funktionieren-Können) der allererste Grund für das Schneiden waren und nicht allein die Dissoziation. Keine Menschen, keine Schuldgefühle. Kein SVV. Keine Menschen heisst leider auch: kein Geldverdienen.... hm - ganz ehrlich, da fand ich die paar Schnitte weit weniger selbstschädigend ;-) Meine Soziophobie-Phasen würde ich durchaus lieber loswerden als mein SVV. Aber Borderline scheint nicht statisch zu sein. Die Symptome verlagern sich, einige verschwinden, andere tauchen plötzlich auf, die einen verstärken sich, die anderen werden erträglich.
SVV ist nach außen sicher das sichtbarste Anzeichen für eine Störung. Es ist zwar nie direkt als Hilferuf gemeint, aber es ist eine Sprache, die auch nach aussen verstanden werden kann und als Alarmsignal interpretiert werden muss.
SVV heisst SOS.
Ob der Betroffene das nun wahrhaben will oder nicht.

Blossom 2004