Plädoyer für Kleine Fluchten
"Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche,
sie ist Kühnheit und Erfindung."
Eugène Ionesco
Der neue Job, der sich so gut anließ, bis die Kollegin anfing, zu stänkern. Der Sprachkurs in Spanisch, der doch die Berufschancen verbessern sollte und am Ende immer schwerer wurde. Die Gesprächsgruppe, zu der ein befreundeter Therapeut der Eltern geraten hatte. Die Diät … jetzt schon fünf Tage nur Gemüse gegessen und immer noch nichts abgenommen. Vor erst einem Jahr in die neue Stadt gezogen und hier nicht heimisch geworden.
Weg damit.
Und wieder mal versagt, aufgegeben, weggerannt.
"Du flüchtest schon wieder".
"Immer schmeißt du alles hin".
"Das hältst du ja eh wieder nicht durch".
"Aaahhrrrgh!"
Die Resonanz auf das abrupte Beenden von Situationen durch bewusst entschiedene Flucht ist in unserer Leistungsgesellschaft nicht gerade positiv. Etwas aufzugeben, sich NICHT irgendwo weiter durch zu beißen, einen Plan nicht zu Ende zu führen, gilt hier bei uns als Versagen auf höchster Ebene. "Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es auch", so die Devise. Schaffst du es also nicht, kleiner Borderliner, so fehlt es dir einfach am Willen. Dann lass dich nur ruhig weiter hängen, so wirst du nie etwas erreichen. Du musst schon auch mal die Zähne zusammen beißen, das Leben ist nun mal kein Zuckerschlecken. Gerade die Borderline-Erkrankung bewrkt bei vielen Betroffenen aber, dass sie schnell an ihre Grenzen kommen. Sie wissen selbst sehr gut, dass sie spannungsreiche Situationen auszuhalten lernen müssten, aber wenn sie es versuchen, verschlechtert sich zunehmend ihr gesundheitlicher Zustand. Gerade dieses verkrampfte Aushalten-Wollen führt am Ende zu einem besonders lauten Knall. Eine der gefürchteten "Borderline-Explosionen" droht und anschließend zeigen alle verächtlich mit dem Finger auf den "Wahnsinnigen".
Ich befürworte deswegen eine Form kontrollierten Rückzugs. Dafür ist es jedoch notwendig, sich über die Paradigmen der Leistungsgesellschaft drüber hinweg zu setzen, auch auf die Gefahr hin, dass man als schwach gilt und "ohne Biß".
Was führt im Rahmen der Borderlinestörung wohl zu den häufigen Fluchten?
Punkt 1: Kreativität.
Liest man nicht immer wieder, Borderliner seien kreativ und intelligent? Was passiert denn einem kreativen und intelligenten Menschen, wenn man ihn einer Flut an Informationen und Möglichkeiten gegenüberstellt? Es beginnen in ihm Ideen zu sprudeln. Er wird nicht den größten Teil der Möglichkeiten verwerfen und sich auf ein paar wenige Dinge festlegen, bei denen wir ihn noch nach 15 Jahren wieder finden werden. Nein - es fällt ihm leider zu fast jeder Möglichkeit etwas ein. Es wird daher nicht ausbleiben, dass er die unterschiedlichsten Dinge ausprobiert und auch wieder verwirft, denn bald fühlt er sich von der Idee gelangweilt, misst die neuen Reize und hat ja auch noch so viele andere Sachen im Hinterkopf, die plötzlich lohnenswert und spannend erscheinen.
Punkt 2: fehlende Spannungstoleranz
Ein wichtiges Handicap der Borderline-Erkrankung ist die Unfähigkeit, Spannungen emotional abzufangen und zu verarbeiten. Der Borderliner ist inneren und äußeren Spannungen ausgeliefert. Er kann zwar Skills erlernen, wie er die Auswirkungen von Spannungen auf seinen Gesamtzustand tendenziell regulieren kann, die natürliche (bei gesunden Menschen in früher Kindheit erlernte) Gefühlsregulation, die im Gehirn gesteuert wird, fehlt jedoch ganz. "Einfach mal die Arschbacken zusammenkneifen und durchhalten" hieße also für den Borderliner: Bleibe im lodernden Feuer stehen und versuche, nicht zu verbrennen.
Ergo - ein gesellschaftlicher Wert, der einen gesunden Menschen menschlich durchaus reifen lässt, nämlich das Trainieren von Durchhaltevermögen und Konsequenz, kann für einen borderlinekranken Menschen manchmal schadhaft sein. Es hilft nun mal nicht, auf Biegen und Brechen normal sein zu wollen, oder gar zu sollen. Einen Borderliner dazu zu drängen, Dinge NICHT abzubrechen heißt, ihn dazu zu drängen im Feuer stehen zu bleiben und daran Schaden zu nehmen. Er muss das langsam lernen. "Du kannst alles, wenn du nur willst!" trifft für den Borderliner nicht zu. Es muss heissen: "Du kannst alles, wenn du es nur lernst!"
Erich Kästner sagte: "Entweder man lebt, oder man ist konsequent." Was ist denn eigentlich daran so schlimm, Dinge nicht zu Ende zu bringen? Wäre es nicht viel schlimmer, niemals je irgendetwas anzufangen? Borderliner sind keine konstanten Menschen. Sie sind einem veränderlichen, unkontrollierbarem und ungewöhnlich intensiven Sammelsurium an Emotionen ausgesetzt, deutlich mehr, als andere Menschen. Die einzelnen Emotionen bieten keinerlei Verlass, weil sie ständig wechseln und oft hat der Borderliner sogar verlernt, sie folgerichtig äußeren Anlässen zuzuordnen oder überhaupt zu benennen. Sie werden als diffuser Druck wahrgenommen und irgendwann muss dieser Druck abgelassen werden. Das ist für den Borderliner oft mit Versagensgefühlen verbunden und seine Reaktion auf Versagen ist meistens, seine Zelte abzubrechen und die Flucht anzutreten aus der konfliktreichen Situation.
Relax!
Wenn wir Dinge tun, Entscheidungen treffen und Projekte beginnen, dann sind wir aktiv. Das tut uns gut. Wenn wir anschließend aus diesen Situationen flüchten, dann fühlen wir uns schlecht, weil unser Umfeld und die Medien uns suggerieren "Ihr habt versagt, Ihr seid schwach!"
Aber ist es nicht einfach tolerierbar, dass unser Rhythmus ein anderer ist? Gut, vielleicht schwingen wir ein Leben lang von Ast zu Ast, während andere ihr Baumhaus bauen. Aber das ist nicht automatisch schlechter.
Borderliner sollten für sich selbst die Flucht vom Makel der Niederlage befreien und sie eher als Verbündete sehen. Was immer ich tue: Wenn es zu viel wird, wenn ich es nicht aushalte, nicht mehr weiter kann, dann darf ich jederzeit flüchten. Und wenn ich flüchte, ist das okay.
Werden Fluchten so nicht kalkulierbarer? Ich wette, sie werden sogar seltener. Die enorme Entspannung, die entsteht, wenn man sich schon im Vorhinein eine eventuelle Flucht erlaubt, wirkt sich merklich auf die gesamte Situation aus, mindert das Spannungspotential. Fluchten sind klug. Sie sagen: Ich muss nicht um jeden Preis funktionieren. Ich kann gehen.
Wie sieht es aber aus mit Fluchten in der Partnerschaft?
Hier möchte ich an beide Seiten apellieren, aktiv zu versuchen, nicht in die Fluchtfalle zu geraten. Konflikte, Diskussionen und Streit sind für den Borderliner unerträglich, so auch er gelegentlich unter dem Zwang steht, diese zu fördern oder zu provozieren. Er will versuchen, durch gesteigerte Aggressivität wieder die Kontrolle über die reizintensive Situation zu erlangen, was zu einer unfairen Schlammschlacht führen kann. Oder aber er wird versuchen, sich der Situation ganz zu entziehen. Flüchten. Entweder im Kleinen (Haus verlassen und Tür zuknallen) oder im Großen (Partnerschaft beenden).
Auch hier sagen uns die gesellschaftlichen Werte, denen ja auch der Partner unterworfen sein wird: Wir müssen Konflikte austragen, man rennt nicht einfach davon. Der Partner empfindet solch ein Verhalten mit Recht als unreif. Beide Seiten müssen etwas tun, um hier den Fluchtinstinkt nicht zum Zerstörer werden zu lassen. Der Borderlinekranke muss lernen, zu erkennen, wann das Pensum des erträglichen Reizes überschritten ist und er emotional in arge Bedrängnis gerät. Dieser Punkt wird schneller erreicht sein, als es der Partner nachvollziehen kann und deswegen ist es wichtig, dass hier ein Signal erfolgt. Der Borderliner kann durch eine kleine, aber kontrollierte Flucht die Notbremse ziehen. Er kann sagen: Es geht im Moment nicht mehr, können wir bitte für zwei Stunden auseinander gehen und dann erst die Diskussion weiterführen?
Der Partner wiederum muss dieses deutliche Signal, die Bitte um Vertagung respektieren lernen. Er muss die Möglichkeit kleiner Fluchten einräumen. Wenn der Borderliner seinen Teil beherrscht, dann muss der Partner nichtmal mit einem Ohr auf das Ticken der Bombe lauschen, sondern bekommt die Bitte um Vertagung wörtlich vorgetragen. Er muss sie nur noch akzeptieren.
Oft verteilt man so die Austragung eines Konfliktes auf mehrere Etappen. Das ist ungewöhnlich. Aber klug.
Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann.
(Jean Paul Sartre)