Großer starker Bär
"Ein Geist, der leidet, hat keine Beziehung zu einem anderen Menschen, ganz gleich, wie intim man auch miteinander lebt."
(Krishnamurti)
Wem kommt das bekannt vor? Ein paar Monate läuft alles gut und dann kriegt man plötzlich "den Rappel". Wird nervös und unsicher, bekommt Panik und glaubt, alles vermasselt zu haben. Die inneren Dämonen sagen, dass alles nicht wahr ist, dass uns eigentlich niemand lieben kann und dass wir in Wirklichkeit noch immer allein sind. Und dann beginnen unwillkürlich diese Wutausbrüche oder Provokationen gegen den Partner.
Es soll bewiesen werden, dass man alleine ist und mal wieder ohne Schutz. Es soll bewiesen werden, dass man die Stärkere ist in einem illusionären Kampf und diesen Mann umwerfen kann.
Wer sich aber umwerfen lässt, kann uns nicht beschützen, nicht vor uns selbst und nicht vor der Welt, die uns bedrohlich erscheint. Wir entscheiden das aber nicht mit dem Kopf, so wie ein Treuetest oder so. Sondern es entsteht aus diesen panischen Unruhen heraus. Es resultiert aus der niemals überwindbaren Angst vor Ablehnung. Es resultiert aus dem fehlenden Urvertrauen. Es resultiert aus dem erlernten Zweifel daran, dass es soetwas wie Glück, Liebe und Vertrauen überhaupt geben kann, dass wir überhaupt geliebt werden können. Und es entzieht sich anscheinend unserer Kontrolle.
Da das emotionale Erleben des Borderliners dem eines Kindes so ähnelt, ist er doch quasi eine Chimäre mit der emotionalen Unreife eines Kleinkindes, die das Hirn eines Erwachsenen spazieren trägt, so bemühe ich also ein weiteres Mal die Pädagogik, um mir selbst klarer zu machen, was der grosse, starke Bär für eine Aufgabe erfüllen muss:
Während der Trotzphasen erproben Kleinkinder ihre manipulativen Fähigkeiten. Sie loten ihre Grenzen aus. Sie schauen, wieviel kann ich durch Schreien, durch Garstigkeit, durch Quengeln oder Gewalt bei den Erwachsenen durchsetzen. Haben sie Erfolg und gewinnen den Kampf, dann folgen weitere. Und mit jedem gewonnenen Kampf fühlt das Kind sich einsamer, hilfloser, weil eben niemand da ist, der ihm etwas entgegen zu setzen hat, weil es erkennen muss, dass es allein die Macht hat und damit auch die Verantwortung. Damit ist es dann mit Sicherheit überfordert.
Ich habe bei meinem eigenen Kind gesehen, was man tun kann, wenn es diese Kämpfe austrägt. Und möglicherweise sucht und braucht auch ein Borderliner gelegentlich etwas Ähnliches von seinem Partner, wenn auch er seine irrationalen Kämpfe austrägt. Bei einem Dreijährigen, der mit hochrotem Kopf auf dem Boden liegt und mit den Fäusten trommelt, weil er seinen Willen nicht durchsetzen kann, kann man mehrere Fehler machen.
1. Man gibt irgendwann nach (das Ergebnis: Kind hat die Macht, Kind ist zu klein für Macht, also ist Kind alleine, Kind wird immer häufiger Trotzanfälle haben, weil es verzweifelt nach der Stärke der Eltern sucht, nach Schutz in einer Welt, die es nicht versteht)
2. Man ignoriert das Kind und geht aus dem Zimmer (das Ergebnis: das Kind hat zwar eine Grenze gesetzt bekommen, es spürt die Stärke der Eltern, verliert jedoch eventuell das Vertrauen in deren Liebe und wird daher auch nur schlecht Vertrauen in sich selbst und die eigene Liebbarkeit entwickeln können)
3. Man wendet dem Kind gegenüber Gewalt an (das Ergebnis liegt auf der Hand: Gewalt erniedrigt und entwürdigt einen Menschen und man zerstört eine Seele)
Aber es gibt einen vierten Weg, mit Trotzphasen umzugehen.
Das Festhalten.
Nimmt man ein trotzendes Kind in den Arm, um es zu beruhigen, dann wird es möglicherweise gewalttätig. Es wird dich kratzen und schlagen. Halte es weiter fest. Ist es schon älter wird es dich außerdem beschimpfen. Halte es dennoch fest, lass dich nicht provozieren. Es wird sich winden und treten. Lass es nicht los. Halte es aber nicht mit Wut und Gewalt. Tu ihm nicht weh. Halte es mit Liebe. Bleibe selbst ganz ruhig, werde nicht laut und sage dem Kind, wie sehr du seinen Zorn verstehst und dass du es liebst. Sprich zärtlich mit ihm und leise, auch wenn es deine Worte durch Schreien übertönt. Sprich ihm beruhigend ins Ohr, während du seine schlagenden Ärmchen in festem Griff behältst, damit es sieht: Du lässt Dich nicht schlagen.
Wenn du dem Kind hier zeigst, das du der Stärkere bist, du diese Stärke aber niemals als Machtmittel gegen das Kind verwenden wirst, sondern allenfalls, um es zu beruhigen, dann fühlt es sich sicher und kann sich weiter der schwierigen und belastenden Aufgabe widmen, groß zu werden. Es weiß, da steht jemand hinter ihm, der ist da und hat alles sozusagen wortwörtlich "im Griff".
Diese Technik habe nicht ich erfunden. Sie stammt aus der Pädagogik.
Wenn man einmal gesehen und gespürt hat, wie so eine kleine bissige Furie, in deren Herzchen gerade ein Wirbelsturm tobt, sich im festen Griff des Vaters oder der Mutter entspannt (sie geben nicht etwa auf, sondern sie entspannen sich einfach, reagieren dann auf Ablenkung und lachen ziemlich bald wieder. Und das schwächt auch die Intensität der folgenden Trotzanfälle), dann begreift man plötzlich auch sich selbst viel besser.
Das Kind hat gelernt, dass du da bist und auf es Acht gibst. Dass du immer die Ruhe behältst, auch wenn das Kind sie verliert. Dass es sich deiner Liebe sicher sein kann, auch wenn es sich unliebbar benimmt, dass du aber trotz dieser Liebe nicht alles tolerierst, damit beweist du, dass du stärker bist. Das Kind weiß, es muss nicht alles unter Kontrolle haben, es darf Kind sein, muss die Welt noch nicht verstehen, denn jemand schützt es. Jemand, der stärker ist.
(Eine allerdings sehr übersteigerte Version dieses Festhaltens wird von einem gewissen Dr. Federicci propagiert. Hierbei wird das schlagende Kind mit dem Gesicht nach unten auf den Boden gezwungen, während die Eltern es auf ihm knieend festhalten und beruhigen. Ja, die Kinder beruhigen sich tatsächlich und als Schlussfolgerung heisst es, sie fühlten sich endlich sicher. Auch ich bin fest davon überzeugt, das Autorität der Eltern und das Gefühl von Sicherheit in direktem Zusammenhang stehen, wie schon erwähnt. Aber diese Methode bringt die Kinder nicht durch Sicherheit, sondern durch Erniedrigung zum Schweigen. Und Erniedrigung ist eine unwürdige Gewaltanwendung, die nur neue Gewalt erzeugen kann, daran besteht für mich kein Zweifel. Die Methode wird sogar bei über 10jährigen Kindern angewandt. Sorry - aber ist das nicht ein bisschen spät, um einem Kind zum ersten Mal Sicherheit geben zu wollen? Ich würde hier gerne die Eltern mit dem Gesicht auf den Boden drücken.
Das Festhalten muss unbedingt mit viel Respekt vor dem Kind geschehen. Nur so kann Autorität - und in diesem Fall ist es ja zusätzlich auch die körperliche Überlegenheit - zu Respekt und Geborgenheit führen. Auf der Würde des Kindes rumzutrampeln gehört mit Sicherheit nicht dazu.)
Haben Borderliner ihre Trotzanfälle noch heute? Vielleicht ist es ihr Kampf, den sie immer wieder austragen müssen, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich nicht alleine sind.
Die Reaktionen, die dann von einem Partner kommen können, setze ich jetzt mal in Relation zu den oben aufgezählten elterlichen Reaktionen.
1. Das Nachgeben.
Beim erwachsenen Partner sieht es so aus: Er geht auf Vorschläge zu schnell ein, er lässt sich unbemerkt haltlose Argumente aufschwatzen, er lässt sich fertig machen, ist verzweifelt oder beleidigt, weint oder streitet (vorsicht! Bei einem so entstandenen verbalen Streit gewinnt der Borderliner mit hoher Wahrscheinlichkeit, weil er zu diesem Zeitpunkt längst nichts mehr zu verlieren hat).
Das Ergebnis aus Sicht des Borderliners: Er ist der Stärkere. Er ist allein. Quod erat demonstrandum. Borderliner hat bewiesen, dass sein Misstrauen gerechtfertigt ist, dass er sich nicht fallen lassen kann, weil derjenige, der ihn auffangen sollte, sich von ihm umpusten lässt. Ein pathologischer Teufelskreis.
2. Das Ignorieren. Dem Partner wird es zu blöd. Er verlässt die Situation und sagt "Ich komme wieder, wenn Du wieder normal bist. Atme mal durch und zähl bis 100!" Dann geht er Fernsehgucken oder Sport machen oder Saufen.
Das Ergebnis aus Sicht des Borderliners: Solange Borderliner "funktioniert" ist zwar jemand da, aber wenn er sich mal nicht mehr unter Kontrolle hat, wird er allein gelassen (ihn allein zu lassen mit seiner Wut kann aber auch bedeuten, ihn zu gefährden). Sein Vertrauen wurde so in einer einzigen Sekunde zerstört. Ab hier geht die Partnerschaft dem Ende zu.
3. Die Gewalt. Der Partner geht auf alle Provokationen ein und lässt sich vom Borderliner hochfahren auf 180. Droht er dann, beschimpft er ihn oder schlägt sogar zu, dürfte die Sache ja ohnehin nicht mehr sehr fruchtbar enden.
Das Ergebnis aus Sicht des Borderliners: Wer sich seiner Wut anschließt und ebenfalls die Kontrolle verliert, der kann ihm selbstverständlich keinen Schutz bieten. Er gefährdet beide.
Was also tun, wenn ein Borderliner durchdreht?
Ruhe bewahren, körperlich und vor allem emotional, sich bitte nicht provozieren lassen, ihm signalisieren, dass man seinen Kontrollverlust bemerkt hat und die Führung übernimmt, bis er wieder bei sich ist. Bei ihm bleiben, ihn festhalten, ihn beruhigen.
In einem Satz:
"Du kannst mir im Moment nicht weh tun, denn ich weiß, was gerade mit Dir los ist. Ich halte Dich, egal wie sehr Du mich zu verletzen versuchst. Ich halte Dich, weil ich Dich liebe. Ich halte Dich solange, bis Du es begreifst und akzeptieren kannst, dass ich Dich liebe."
Das ist bestimmt schwer. Als Erwachsene erwarten wir vom Partner eine halbwegs vorhandene Reife. Borderliner sind oft charismatisch, eloquent, fantasievoll, intelligent.... aber eben paradoxerweise auch emotional unreif. Das zu akzeptieren ist für den Partner schwer und es desillusioniert ihn. Damit umgehen zu lernen ist noch ungleich schwerer.
Dabei müssen wir Borderliner einfach nur ab und zu testen, ob wir auch wirklich nicht alleine sind, ob da wirklich jemand hinter uns steht, ob wir wirklich - trotz unserer Unzulänglichkeit - liebbar sind.
Und anschließend sind wir auch wieder ganz handzahm
- versprochen :-)) *fauch*
Damit umgehen, das kann eben nur der grosse, starke Bär. Oder? :-))
Blossom 2004
Nachtrag Mai 2005:
Der Text "Großer starker Bär" ist von Angehörigen oft missverstanden worden. Ich möchte deswegen nochmal Folgendes klar stellen:
Um mit einem Borderline zusammen leben zu können, ist KEINE Selbstaufgabe erforderlich. Es ist außerdem NICHT richtig, dass man sich nach obigen Ausführungen keine Schwäche mehr erlauben darf, immer stark sein muss.
Tatsächlich geht es allein darum, in bestimmten Situationen so zu reagieren, dass borderlinetypische destruktive Verhaltensweisen (die aus nicht beeinflussbaren Emotionen resultieren) erfolgreich abgefangen werden können, was dazu führen würde, dass die entspannten Phasen in der Partnerschaft entsprechend länger und häufiger sind. Wie bei einem Asthmaanfall. Wenn jemand bei seinem Partner Anzeichen für einen Asthmaanfall sieht, läuft er los und holt das Inhalationsspray. Ganz offensichtlich ist es nicht so, dass das Holen des Sprays nun zur allumfassenden Hauptaufgabe des Partners wird, mit der er sich schlußendlich identifizieren soll. Er holt es einfach dann, wenn es nötig ist und der asthmakranke Partner wird lernen, darauf zu vertrauen.
Nun haben wir gegen Borderline natürlich kein Spray.
"Bordi-Ex" oder so ;-) Schön wär´s.
Und doch gibt es auf borderlinetypische Symptome adäquate Reaktionen, die eine Besserung bewirken können.
Die Krankheit erzeugt beim Betroffenen emotionale Mechanismen, verlässlich wiederkehrend und durchaus durchschaubar, sowohl für den Betroffenen alsauch für den Partner. Der Betroffene zeigt sich außerhalb der Emotion, also in stabilen Phasen, auch durchaus kritisch diesen Mechanismen gegenüber und erkennt ihre Destruktivität und ihre mangelnde Begründbarkeit. Aber seit wann braucht man für eine Emotion einen Grund? Kaum in der Emotion gefangen, fällt es dem Betroffenen eben schwer, die differenzierte Wahrnehmung von Unsinnigkeit aufrecht zu erhalten. Sie ist im Sturm der Gefühle verloren gegangen. Mein Vorschlag wäre, diesen Mechanismen mit einem Potpourrie ausgewählter Reaktionen entgegen zu treten, die es dem Betroffenen ermöglichen, möglichst zügig wieder in den Zustand differenzierter Wahrnehmung zurück zu finden.
Ähnlich dem Holen des Asthmasprays.
Dass dabei Beschädigungen von Gegeständen, die nicht Eigentum des Borderliners sind sowie körperliche Übergriffe nicht entschuldigt werden können, sollte allerdings klar sein. Keine Krankheit rechtfertigt Zerstörung. Wenn der Borderliner wieder stabil ist, sollte er wie ein erwachsener Mensch mit seinem Handeln konfrontiert werden können. Auch ein Borderliner kann sich der Verantwortlichkeit für sein Handeln nicht entziehen. Eine Diagnose ist kein Freifahrtschein!
Ein bisschen "Bärenlyrik" von Balthasar:
Ach, ich wollt ich wär
ein großer, starker bär
wenn Du an so manchen tagen
das leben nicht mehr kannst ertragen
wenns finster wird im herzen
und Du spürst nur noch schmerzen
möchtest auf und weg und nur noch rennen
im kopf Deine gedanken brennen
komm ich wie die feuerwehr
wie ein großer, starker bär
Dich zu umarmen, Dich zu halten
das gefühl ein wenig Dir zu geben
Du bist nicht tot- Du bist am leben
Ach, ich wollt ich könnt es sein
ein großer bäer, für Dich allein
wenn Du nicht weisst, ob früh ob spät
wenn einfach nichts mehr weiter geht
wenn nur noch sorgen über sorgen
angst vor heute, angst vor morgen
Dir der plan fehlt für Dein leben
dann möcht ich Dir etwas geben
sicherheit und in meinen armen halt
vielleicht ist Dir dann nicht mehr kalt
mal fällts mir leicht, doch oft auch schwer
bin ja noch ein kleiner bär
noch wenig wissend über Sachen
die das leben Dir zur qual so machen
nur eines sicher wissend und das sehr
ich lieb Dich- täglich mehr und mehr
wie es halt so ist bei bären
die nur von liebe sich ernähren
sei genauso tolerant und fair
dann,
ja dann werde ich Dein großer Bär.