Hauptmenü
Blossoms Blog
Umfrage Bildschirmgröße
Welche Bildschirmgröße nutzt Ihr?
 

Glücklich sein mit Borderline

"Wer im Dunklen sitzt, zündet sich einen Traum an."
(Nelly Sachs)


"Schön, dass du herkommen konntest"
Markus legte seinen Mantel über den Stuhl und reichte der lächelnden Frau vor ihm die Hand. Sie saß an einem der hübschen Fensterplätze in dem Bistro, wo sie sich verabredet hatten und die Wintersonne spielte mit ihrem blonden Haar.
"Entschuldige, dass ich zu spät bin. Hast du schon etwas bestellt?"
Die junge Frau verneinte lächelnd, also winkte er die Kellnerin herbei, bevor er Platz nahm.


"Ich bin Markus"
"Ich weiß"
"Sag, hättest du etwas dagegen, mir deinen richtigen Namen zu verraten? Oder möchtest du, dass ich dich weiterhin Sternchen nennen, so wie im Internet?"
"Josefine", sie lächelte wieder.
"Ich danke dir sehr, Josefine, dass du mit mir sprechen möchtest. Das finde ich toll von dir."
"Kein Problem"
Josefine sortierte Salz- und Pfefferstreuer auf dem Tisch, die eigentlich längst ´sortiert´ waren und dennoch von jedem Gast neu ausgerichtet werden
"ich habe in deinen Mails gemerkt, wie wichtig es dir ist, deine Frau zu verstehen. Ob ich dir dabei helfen kann, weiß ich aber wirklich nicht."
Markus winkte ab.
"Darum geht es nicht, ob du es kannst, ob du es nicht kannst."
Sein Lächeln wirkte gespannt und gleichzeitig erleichtert.
"Es hilft mir schon so sehr, mit jemandem reden zu können."
"Wie geht es deiner Frau denn?"
"Nicht gut. Es geht ihr wirklich nicht gut. Und ich fühle mich so hilflos, verstehst du? Es ist, als renne ich gegen eine Wand. Wenn ich versuche, ihr zu zeigen, dass ich ihr helfen will und für sie da bin, dann stößt sie mich weg. Versuche ich hingegen, sie in Ruhe zu lassen, dann dreht sie erstrecht durch, wirft mir vor, sie im Stich zu lassen. Es ist kein Herankommen an sie. Sie ist wie ein verwundetes Raubtier, dass wild um sich beißt, wenn man ihm helfen will."
"Ich kenne das."

"Was darf ich Ihnen bringen?"
die Kellnerin drängelte sich unsanft zwischen die Sätze und gab die Unterhaltung erst wieder frei, als sie ihre Bestellung eingesammelt hatte.
Markus schien kurz aus dem Konzept gebracht, doch fing sich schnell wieder. Der Zustand seiner Frau hatte sich in den letzten zwei Jahren so sehr verschlechtert, dass er nach jedem Strohhalm zu greifen bereit war, um einen Zugang zu ihr zu finden. Sie waren erst drei Jahre verheiratet und in ganz schwachen Phasen brachte ihn der Gedanke zur Verzweiflung, dass es vielleicht an ihm, an ihrer Beziehung liegen könne, dass seine Frau so krank war.

"Versuche bitte nie, Deine Frau zu therapieren."
Josefine lehnte sich nach vorne und legte die Unterarme auf den Tisch.
"Das wäre eine Sackgasse, aus der Ihr nicht mehr rauskommt."
"Ja, das verstehe ich"
Die Kellnerin brachte zwei Latte Macchiato und Josefine fiel auf, dass sie die Gläser zufällig in perfekt symmetrischem Winkel zu den Gewürzstreuern abstellte. Gewürzmenagen und Kaffeegläser bildeten nun ein gleichschenkliges Dreieck.
"Das möchte ich auch nicht."
fuhr Markus fort und Josefine löste ihren Blick von dem Arrangement auf dem Tisch. Sie betrachtete sich die dunklen kurzen Haare Ihres Gegenübers, während der weiter sprach.
"Ich werde nur völlig verrückt bei dem Gedanken, dass es einen Weg heraus geben könnte aus ihrer Festung. Und wir ihn einfach nicht finden. Sie sitzt da drinnen fest in ihrem eigenen Folterkeller."
Er zog das Kaffeeglas zu sich und griff hektisch nach dem Zucker. Mit einer kleinen langsamen Bewegung schob auch Josefine ihr Glas an einen neuen Platz.
Das Dreieck war wieder hergestellt und das Kind in ihr gluckste fröhlich.
"Und als ich dich im Internet kennen lernte," Markus rührte in seinem Kaffee, "und du sagtest, du seiest ebenfalls Borderlinerin, da war es mir ein Rätsel, wie du so ausgeglichen sein kannst, dein Leben auf die Reihe gekriegt hast. Ich bin unglaublich neugierig, wie du das geschafft hast."
"Steckt ein bisschen Arbeit drin."
Josefine grinste ihm ins Gesicht.
"Aber ich weiß nicht, ob der Weg, der für mich richtig war auch für andere richtig ist."
"Natürlich nicht. Borderliner sind so fruchtbar verschieden …"
"Falsch."
" … da muss es ja zwangsläufig erfolglos bleiben, eine Therapie zu konzipieren, die jedem hilft."
Markus nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
"Hast du gerade falsch gesagt?"
"Ich sagte, falsch."
Auch sie nahm einen Schluck von Ihrem Kaffee.
"Genau hier liegt ja das ganze Missverständnis. In der angeblichen Vielfältigkeit der Krankheit."
"Wie meinst du das?"
"Naja, du kennst die 9 Leitsymptome, die für die Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung herangezogen werden?"
"Ja, sicher."
"Es sollten mindesten fünf dieser Symptome vorliegen, um anzunehmen, dass die Störung vorliegt."
"Das stimmt."
"Und natürlich können es auch mehr sein."
"Ja. Bei meiner Frau zum Beispiel sind es …"
"Egal, Markus."
"Egal?"
"Es ist absolut nicht entscheidend, welche Symptome nun tatsächlich vorhanden sind."
"Ist es nicht? Aber Josefine, irgendwie muss man sie doch behandeln."
"Man behandelt sie, ja." Josefine nickte, "Aber irgendwie wachsen sie an anderer Stelle nach."
"Ich verstehe nicht, was Du meinst."
"Schau, ich war insgesamt drei Jahre in Therapie. Verschiedene Therapien. Verschiedene Therapeuten. Gute Therapeuten. Viele meiner Probleme haben sich gebessert."
Sie schaute kurz aus dem Fenster, sammelte sich die nächsten Worte zusammen,
"Aber andere kamen dazu. Mein Gesamtzustand veränderte sich eigentlich kaum. Nur das Erscheinungsbild der Krankheit, die Symptomatik."
"Hast du da ein Beispiel für mich?"
"Ja klar. Zum Beispiel besserten sich meine Essstörungen. Doch wurde ich mit der Zeit soziophobisch, das war vorher nie so schlimm gewesen. Ich konnte einige Monate nicht mal einkaufen gehen, solche Angst hatte ich, in der Nähe von Menschen zu sein."
Josefine winkte ab, als wolle sie das Thema nicht weiter vertiefen und fegte es symbolisch vom Tisch.
"Oder die Selbstverletzungen, kaum hatte ich sie im Griff, wurden die Gedächtnisschwierigkeiten schlimmer."
"Und du meinst, das kam durch die Therapie?"
"Damals dachte ich das. Aber heute denke ich, das es nicht im direkten Zusammenhang steht mit irgendeiner Form der Therapie. Borderline ist eine Hydra, schlägst du ihr einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach."
"Also würdest du sagen, die Therapien sind kontraproduktiv? Sollte man Borderline lieber nicht therapieren?"
"Die Therapien helfen, ein klares Verständnis der eigenen Persönlichkeit zu erlangen. Manche helfen, die eigenen Verhaltensweisen zu überdenken. Ich finde das gut."
"Und mehr nicht?"
"Markus, ich will ja nicht ausschließen, dass es bei anderen auch mehr bewirkt, mir jedenfalls half es darüber hinaus nicht."
"Also hast du aufgegeben?"
Die Frage war absichtlich provokant gemeint. Natürlich wusste er aus seinen kurzen Gesprächen mit Josefine, dass sie kein Mensch war der jemals aufgegeben hätte. Sie hatte sich nicht als gesund oder geheilt bezeichnet, doch hatte sie von sich gesagt, sie habe sich mit Borderline arrangiert. Sie lebe mit ihrem Monster in einer unfreiwilligen WG und habe endlich akzeptiert, dass sie ihren Mitbewohner nicht rausekeln können wird, so sagte sie.
"Ach was", Josefine streckte Markus im Spaß die Zunge raus, "Du weißt doch, dass ich das nicht habe."
"Ja, weiß ich" flüsterte Markus anerkennend.
"Aber was hast du anders gemacht, als die Therapeuten? Du sagst, die Symptome sind zweitrangig. Warum?"
"Zweitrangig ist genau richtig gesagt, denn sie sind ja nicht unwichtig. Nur sind sie eben auch nicht das Hauptproblem. Es war so, dass mir diese ganze Verworrenheit der Symptomatik spanisch vorkam. Irgendetwas daran konnte nicht richtig sein. Waren es doch außerdem Symptome, die irgendwie jeder Mensch an sich selbst schon mal in Grundzügen beobachtet hat, sei er nun angeblich krank oder angeblich gesund. Zu viele Symptome, zu viele Kombinationsmöglichkeiten. Welche Krankheit sonst wird denn sonst noch so schwammig dargestellt wie Borderline?"
"Also hast du aufgeräumt?"
"Sozusagen. Mein Gedanke war folgender: Sind all die neun Symptomgruppen wirklich auf gleicher Stufe gleichberechtigt? Oder stehen sie vielmehr in einem ursächlichen Zusammenhang untereinander. Gibt es eine Hierarchie unter ihnen? Bedingt eins das andere? Gab es Symptome, die - egal welche Symptome sonst noch vorhanden waren - bei JEDEM Borderliner vorhanden sind?"
"Das ist ja tatsächlich seltsam, die einen Borderliner verletzen sich zwanghaft, die anderen nie. Manche gehen seit Jahren ihrem Job nach, andere sind komplett arbeitsunfähig."
"Ja, diese Gegensätze kann man beliebig lange weiter aufzählen. Aber es musste etwas geben, was ALLEN gemeinsam ist. Erst dann würde die Krankheit und eine Therapie für mich Sinn machen."
"Und diese Gemeinsamkeit hast du gefunden?"
"Das weiß ich nicht, Markus. Ich will mir nicht anmaßen, zu glauben, dass es so ist. Aber in vielen Gesprächen mit anderen Betroffenen kristallisierte sich für mich heraus, dass es tatsächlich eines der neun Symptome gab, das jeden Borderliner unweigerlich betraf: Fehlendes Ich-Identitätsgefühl."
"Aha. Ich kann mir darunter nicht wirklich etwas vorstellen."
"Das ist auch schwierig zu erklären. Da können wir gerne gleich noch näher drüber sprechen. Zunächst war für mich die Erkenntnis wichtig, dass möglicherweise diesem einen Symptom eine andere Wertigkeit beizumessen war, als den anderen. Dass möglicherweise dieses eine Symptom die anderen sogar bedingt."
"Verstehe."
"So dass es möglich sein müsste, dass sich durch Besserung dieses einen Hauptsymptoms alle anderen auch bessern."
"Das würde alles vereinfachen."
"Vereinfachen nicht unbedingt, aber die ganze Angelegenheit würde greifbarer, übersichtlicher, logischer."
"Und damit vielleicht therapierbar."
"Ja."
Markus lehnte sich zurück und atmete mit geschlossenen Augen tief ein, dann wieder langsam aus.
"Wird dir das schon zuviel?" frotzelte Josefine und lachte.
Markus lachte zurück.
"Geht schon noch", seuftzte er.
Schließlich tippte er mit dem Löffel an Josefines Glas, als wolle er den nächsten Akt einläuten und fragte
"Wenn also möglicherweise die Identitätsstörung das eigentliche Hauptsymptom ist - dann hilf mir zu verstehen, worum es sich da handelt."
"Gerne."
Josefines schaute Markus in die Augen und er erkannte einen gewissen Eifer in ihrem Gesicht.
"Also, so ein bisschen Selbstunsicherheit oder mangelndes Selbstbewusstsein kennt ja jeder Mensch hin und wieder. Das ist nicht gemeint. Auch die allgemeine Unsicherheit, wie man sich selbst in dieser informationsdurchfluteten Welt mit ihren zahlreichen Möglichkeiten einordnen soll, auch das ist nicht gemeint. Vielmehr ist der Borderliner aufgrund seiner Entwicklung zu einem Vielschichtwesen geworden. Um Konflikte mit seiner Außenwelt zu vermeiden und jederzeit größtmögliche Kontrolle zu behalten, hat er früh begonnen, für jede Lebenssituation, für jedes Umfeld und jedes Gegenüber ein passendes Kleidchen zu schneidern. Er ist ein Chamäleon. Er scannt die Bedürfnisse der Menschen, mit denen er zu tun hat und spiegelt ihre Bedürfnisse. So kann er jedem Gegenüber entsprechen und dadurch Spannungen vermeiden."
"Das kann doch nicht lange gut gehen"
"Tut es auch nicht."
Josefine zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf.
"Es ist ein machtvolles Instrument und kann Spannungen von außen tatsächlich vermeiden helfen, Spannungen im Inneren jedoch fördert es. Und das frustriert den betroffenen Menschen zusätzlich."
"Weil er sich ständig verstellt."
"Es ist komplizierter. Und darin liegt das eigentliche Problem mit der Ich-Identität, so wie ich es sehe: Der Betroffene beginnt aufgrund der Frustration, auch sich selbst etwas vorzuspielen. Er schafft Modelle seiner selbst, die er nach außen trägt, aber an die er auch selber glaubt. Aus der grauen Maus wird ein Partyluder. Aus der Karrierefrau eine liebende Hausmami. Ständig wird nach einer neuen Identifikation gesucht, die weder authentisch ist, noch wirklich Bestand haben kann und in die unglücklicherweise meist auch andere Menschen involviert sind. Und in jedem dieser Modelle, dieser Rollen, sucht der Borderliner nach Perfektion. Er schafft es nicht, die Parallelitäten, den Facettenreichtum, die unsere menschliche Existenz mit sich bringt, auszuhalten. Er kann nicht alles in einem sein. Das ist für ihn nicht kontrollierbar."
"Und irgendwann weiß er nicht mehr, wer er ist."
"Genau. Das ist etwas einfach ausgedrückt, aber im Grunde trifft es das ganz gut. Er verliert das Gefühl von Authentizität. Er verliert sich in seinen Modellen und Rollen. Er kann den Film nicht mehr abschalten, die innere Kamera läuft ständig weiter und weiter. Diese Entwicklung beginnt in frühester Jugend und verstärkt sich über zehn oder zwanzig Jahre hinweg immer weiter."
Josefine bewegte den Löffel in ihrem inzwischen leeren Latte Macchiato Glas.
"Aha." murmelte Markus. Sein Blick war auf die Tischplatte gerichtet. Er versuchte, das eben Gehörte mit dem in Einklang zu bringen, was er in vielen Büchern über Borderline gelesen hatte. Er bemerkte durchaus die Distanz, die Josefine in ihren Schilderungen einnahm, die analytische Sachlichkeit, mit der sie über eigentlich bewegende Dinge sprach, doch verzieh er ihr das. Das kannte er bereits von seiner Frau.
Sein Handy klingelte.
Beide schreckten kurz hoch und Markus schaltete es aus und packte es zurück in die Manteltasche..
"Und als du das für dich herausgefunden hattest," setzte er das Gespräch fort, "wie sahen deine weiteren Schritte aus?"
"Ich konzentriere mich nur noch auf diesen einen Punkt."
Josefine legte den Löffel neben das Glas.
"Selbstverletzung, Ängste, Essstörungen oder all die Probleme im Umgang mit Nähe, Wut, Trauer … ich begann, das alles nicht mehr zu beachten. Ich meine, im therapeutischen Sinne. Ich legte alle Energie da hinein, nur mein Identitätsgefühl zu sanieren."
"Aber wie denn?"
"Babyschritte."
Josefine malte mit den Fingern auf der Tischplatte kleine Kreise auf.
"Erster Schritt: Finde den authentischen Traum."
"Das klingt nett."
"Ist aber ziemlich schwierig, wenn man das Gefühl für sich selbst verloren hat. Dann hat man nämlich jedes halbe Jahr andere Pläne und Träume, die man für absolut authentisch hält, die aber nur solange Bestand haben, wie das Lebensmodell, zu dem sie gehören."
"Zu einem perfekten Modell gehören also auch die entsprechenden Träume?"
"Ja. Und die können sehr stark variieren. Um einen wirklich authentischen Traum zu finden, müssen wir aber tiefer gehen. Der Bauernhof in Ungarn, das eigene Restaurant, die Weltreise, der Job in der Chefetage … wie lange träumen wir diesen Traum eigentlich schon? Ein Jahr? Fünf Jahre? Oder sogar schon seit unserer Kindheit? Um sicher zu sein, würde ich keinen Traum zulassen, der nicht zumindest in einem Alter unter 15 Jahren schon mal da war. So einen müssen wir finden - einen richtigen Kindheitstraum. Kann sein, dass man immer mal mit Delfinen schwimmen wollte. Oder ein Jahr in China sein. Oder Pilot werden … egal."
"Aber es kann doch sein, dass dieser Traum längst nicht mehr aktuell ist."
"Ja, macht aber nichts. Zumindest besteht hier die größte Chance, dass er authentisch ist, also allein aus uns selbst entstand und nicht aus einem künstlicher erschaffenem Modell unserer Selbst. Und wenn er das ist, dann wird es bei dem Gedanken daran zumindest eine kleine Regung in unserem Herzen geben, das kleine Zucken eines Lächelns auf unserem Gesicht."
"Stimmt. Solche Träume kenne ich auch noch, ich wollte immer in einem Gärtner-Wettbewerb eine Auszeichnung für die größte Tomate gewinnen."
"Echt?" Josefine zwinkerte.
"Das ist ja schräg. Aber machbar! Und ich nahm mir genau dieses letzte Fetzchen Ich, das einzige mir als authentisch bekannte Stückchen Josefine und wusste, hier muss ich ansetzen. Hier drin versteckt sich mein verkümmertes Ich."
"Klingt ein bisschen verrückter, als Borderline selbst." lachte Markus
"Nicht böse sein."
"Du hast ja Recht." beschwichtigte Josefine
"aber das war mir egal. Es gibt auch noch andere Wege, um einen authentischen Traum herauszuarbeiten, aber ich fand ihn eben in der Kindheit und Jugend. Dieser alte authentische Traum war das Pflänzchen, das ich wieder hegen und zum Wachsen bringen musste. Also habe ich mir den Traum wieder zueigen gemacht."
"Wie meinst Du das: zueigen machen?"
"Naja, ernst genommen. An seiner Umsetzung gearbeitet. Was hatte ich denn zu verlieren? Ich habe fortan diesen Traum als eine Priorität in meinem Leben gesehen und genau geplant, was ich zu seiner Umsetzung brauchen würde."
"Aber nicht jeder Traum ist doch realisierbar."
"Warum denn nicht? Manche sind etwas aufwändiger zu realisieren, andere leichter. Für meine kleine Josefine-Therapie eignet sich ein aufwändiger Traum sogar besser. Pilot werden, mit Delfinen schwimmen, nach China reisen … das alles kann man nicht mal eben übermorgen erledigen. Man muss Behörden aufsuchen, Sprachen lernen, Geld sparen oder ähnliches. Ein Traum verwirklicht man in Jahren, nicht in Wochen."
"Aber wie kann er dann die psychische Situation verbessern, die ist doch meistens akut."
Josefine grinste. Es gefiel ihr inzwischen ganz gut, so befragt zu werden. Wie eine erfolgreiche Forscherin dozierte sie mit stolz geschwellter Brust ihre neuesten Ergebnisse.
"Das macht nicht der Traum selber. Dadurch, dass wir uns mit ihm befassen, ihn ernst nehmen, ihn nicht mehr aus den Augen lassen, gießen wir das Pflänzchen, das unser Ich ist. Und am Wegesrand sprießen nach und nach neue Pflänzchen. Weitere authentische Fragmente unserer Selbst kommen zum Vorschein."
"Ich bin beeindruckt." Markus nickte mit hochachtungsvollem Gesicht.
"Macht nichts." Sie grinste wieder. "Aber alles Weitere würde zu sehr in die Tiefe gehen, Markus."
"Ja, ich weiß, Du hast nicht viel Zeit heute."
Er winkte die Kellnerin heran, indem er mit den Fingern eine Geste machte, die das Bezahlen symbolisierte.
"Aber haben sich die anderen Symptome dann gebessert?"
"Es hat lange gedauert. Aber: Ja. Je mehr ich verstand, was Identität bedeutet und wer ich eigentlich bin, je näher ich meinem authentischen Selbst kam, desto geringer wurden all die anderen Symptome in ihrer Ausprägung. Sie verschwanden von der Peripherie, als der Kern stärker wurde."
"Wundervoll. Blieben die Probleme denn ganz verschwunden?"
"Nichts an dieser Krankheit verschwindet jemals ganz. Aber es kann und muss eine Aussöhnung stattfinden mit Borderline. Du weißt ja - die Krankheit ist mein Mitbewohner in einer WG und manchmal nervt er mich tierisch. Aber er wird hier nicht ausziehen."
"Kannst du inzwischen manchmal über ihn lachen?."
"Genau. Und eines Tages - das wäre die höchste Kunst - kann man sogar mit ihm gemeinsam lachen."
Markus zahlte und sie zogen ihre Mäntel an.
"Das hat mir sehr gut getan, Josefine."
Markus reichte ihr die Hand und zog sie dann an sich.
"Danke!"
"Ich fürchte, ich konnte nicht wirklich helfen." antwortete sie.
"Mir hast Du sehr geholfen."
"Ich wünsche Euch alles Gute!"
Sie verabschiedeten sich voneinander.
Doch im Weggehen drehte Markus sich um.
"Eins noch, Josefine." rief er, und sie blieb stehen und schaute ihn an
"Wie gehst Du heute damit um, mit Borderline?"
Sie schmunzelte.
"Ganz einfach: Ich habe mir in unserer WG einen eigenen Raum eingerichtet. Wir leben hier nun gleichberechtigt, mein Dämon und ich. Er hat nicht mehr alleine das Sagen, denn nun bin ich ja wer. Und seitdem traut er sich auch nicht mehr, ein solches Chaos zu verbreiten."
Markus lachte laut.

Sie winkte und wollte sich zum Weitergehen umdrehen.
Dann schaute sie noch mal zu Markus und rief:
"Und unser größter Coup war, dass wir einen Putzplan vereinbart haben."