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Erwachsen werden!

Erwachsen werden!

"Einem Kind, das die Dunkelheit fürchtet, verzeiht man gern;
tragisch wird es erst, wenn Männer das Licht fürchten."
(Platon)

Genau genommen sind wir Borderliner doch emotional ungereifte Kinder, die das Hirn eines Erwachsenen spazieren tragen. Viele der Probleme, die wir und unser Umfeld mit uns haben, resultieren aus der Diskrepanz, zwar klug und "erwachsen" Denken zu können, jedoch mit den daraus resultierenden Handlungsoptionen überfordert zu sein. Es kratzt auf Dauer arg am Selbstwertgefühl, genau zu wissen, wie man sich als reifer Mensch gerne verhalten würde, es aber emotional doch nur so schwer umsetzen zu können. Um mit diesem Dilemma umzugehen, wechseln Borderliner oft zwischen zwei bewährten Strategien:
Entweder sie spielen erwachsen. Sie tarnen sich. Es ist ihnen bewusst, dass ihr Anderssein von ihrem Umfeld nur schlecht toleriert wird und sie versuchen, die emotionale Unreife zu kaschieren. Dieses Verhalten führt zwangsläufig wieder zu Manipulation, Kontrolle und Rollenspiel und verstärkt damit die gesamte Problematik, da diese destruktiven Verhaltensweisen einer Besserung der Krankheit entgegenwirken.


Oder sie flüchten in den Trotz. Gerade Borderliner, die ihre Diagnose kennen und vielleicht sogar schon eine Weile in Therapie sind, beginnen oft, die Krankheit als Rechtfertigung zu benutzen. Die unbefriedigenden und schwammigen Informationen, die seitens der Fachwelt über die Krankheit gegeben werden, bieten ja auch kaum eine andere Option. Da die Krankheit von Therapeutenseite so wenig verstanden wird, kann auch der Betroffene sie nicht verstehen und in all der Verwirrung wird dann die Krankheit schnell zum Universal-Sündenbock gemacht. Für den Betroffenen bedeutet das sogar zunächst Erleichterung, denn endlich ist er es nicht mehr selbst, der an allem Schuld zu sein scheint, der unzulänglich und zerstörerisch ist - es ist die Krankheit! Diese ach so ominöse Krankheit Borderline. Dieser böse Dämon, den ich auf den Schultern trage und der mich Dinge sagen und tun lässt, die ich niemals sagen oder tun würde, wäre ich gesund.
Diesen Dämon gibt es nicht.
Wir erfinden ihn, weil er sich leichter tragen lässt, als die Verantwortung. Verantwortung ist etwas für Erwachsene. Schau her, ich bin doch wie ein Kind, wie könnte ich Verantwortung tragen? Ich bin klein und brauche Schutz. Und ich werde nur laut und ungenießbar, wenn man mich alleine lässt. Siehst du nicht, dass alles, was ich tue nur ein Schrei nach Liebe ist? Bitte liebe mich! Doch liebst du mich dann, mache ich mich schnell unliebbar. Geliebt zu werden, bin ich nicht gewöhnt, es macht mir Angst. Also tue ich dir weh, damit du weg gehst. Ich bin schon groß, brauche dich nicht. Brauche keinen Papa, keine Mama. Werde dir beweisen, dass deine Liebe ein Betrug ist. Werde dir beweisen, dass du mich nicht liebst. Weil man mich nicht lieben kann.
Und am Ende der Szene sitzen wir da vor dem Scherbenhaufen und heulen "Borderline". "Das war ich nicht, das war Borderline".
Aufwachen!
Die Kindheit ist vorbei. Es wird Zeit, den Fakten ins Auge zu schauen.
Wir sind erwachsen geworden. Es ist einfach so passiert. Manche von uns haben das Gefühl, um ihre Kindheit betrogen worden zu sein. Andere hatten nie eine. Beides ist ein Schmerz, der uns ein Leben lang begleiten wird. Aber nun gilt es, mit diesem Schmerz umzugehen, anstatt ihn durch erzwungene Revidierung der Tatsachen rückgängig machen zu wollen. Glaube mir, wenn du die Texte auf meiner Website lesen und verstehen kannst, dann bist du erwachsen. So hart das auch ist. Und als Erwachsener wirst du nun Verantwortung übernehmen.
Immer bist du mit allem alleine, nie steht jemand zu dir?
Das ist Erwachsensein. Man regelt sein Leben jetzt ohne einen Beschützer, ohne den immer präsenten Helfer und Tröster. Das ist unfair, speziell, wenn man ihn in seiner Kindheit nie gehabt hat, aber wir können das, was wir in unserer Kindheit nicht hatten jetzt nicht mehr nachholen. Da kommen zwar Menschen in dein Leben, die einen Teil deines Weges mit dir gehen, aber dein Leben selbst musst du schon selber leben. Je eigenständiger du dieses Leben zu führen imstande bist, desto mehr Menschen werden sich dort einfinden und dir auch mal helfen. Aber solange wir die Menschen, die in unser Leben schauen, vollständig absorbieren, uns ihre Identitäten überstülpen, ihr Leben mitleben wollen wie einen Ersatz für das eigene Ich, solange werden wir nicht auf eigenen Beinen stehen und solange werden wir unsere Krankheit nicht meistern können.
Aber du kannst doch nichts dafür, dass du den Menschen in deinem Leben immer weh tust, es passiert halt einfach?
Es passiert nicht, sondern du tust es. Auch das gehört zum Erwachsensein: Verantwortung zu übernehmen für sein Handeln. Sich den Regeln von Ethik und Moral zu beugen. Zu akzeptieren, dass die Narrenfreiheit eines Kindes nun zu Ende ist. Das Recht auf psychische und körperliche Unversehrtheit anderer Menschen zu respektieren.
Lügen, Verletzen oder fremdes Eigentum zerstören passiert nicht einfach so. Wir entscheiden uns dazu. Das bist du, der das alles tut, nicht Borderline.

Aufgrund der extremen Spannungsintensität, der wir Borderliner ausgesetzt sind, fällt es uns natürlich ungleich schwerer, erwachsen und moralisch zu handeln. Aber einem Armamputierten fällt es auch schwerer, die Dinge des Alltags zu bewerkstelligen und trotzdem wird für ihn die Welt nicht umgebaut. Borderline ist eine Art emotionale Behinderung und mit diesem Handicap müssen wir verantwortlich umzugehen lernen. Das ist UNSERE Aufgabe, nicht die unserer Umwelt.
Für mich als Borderlinerin steht fest: Wir haben immer die Wahl. Trotz Borderline. Als einzige Ausnahme lasse ich gelten, wenn wir uns in einem dissoziativen Zustand befinden. Aber an dieser Stelle möchte ich mal meinen lauten Zweifel kund tun, dass diese Zustände bei uns Borderlinern wirklich so verdammt häufig auftauchen, wie allgemein behauptet wird. Dissoziationen sind eben die einfachsten Erklärungs- und Rechtfertigungsmodelle. Man spart sich dadurch den schwierigen Weg, die Krankheit verstehen zu wollen. Ich allerdings finde den inflationären Gebrauch des Begriffes Dissoziation äußerst bedenklich und kontraproduktiv.
Das Klammern an die Kindheit, die verloren ist oder zu früh zu Ende ging, macht meiner Meinung nach auch einen großen Teil des Identitäts-Problems von Borderlinern aus. Um mit der Krankheit leben zu können, ist es unumgänglich, die eigene Authentizität wieder zu finden, ein starkes Ich aufzubauen (nicht zu konstruieren!). Dieses Ich kann aber nur als erwachsenes Ich beständig sein. Euer Geist, Euer Verstand ist Eure einzige Waffe gegen die Krankheit Borderline. Wir müssen trainieren, ihn immer eine Spur stärker sein zu lassen, als unsere Emotion. Unsere übersteigerten, undifferenzierten Gefühle werden dadurch zwar auch nicht unbedingt moderater, aber sie zwingen uns kein destruktives Handeln mehr auf. Dies ist - so glaube ich und trainiere es selbst seit mehreren Jahren mit zunehmendem Erfolg - das Optimum, das man an Genesung in Sachen Borderline erreichen kann.
Doch am Anfang dieses Weges steht der erste Schritt:
Verantwortung übernehmen.
Erwachsen werden!