Erste Hilfe bei Suizidgedanken
"Wer ohne Grund traurig ist, hat Grund, traurig zu sein."
(Françoise Sagan)
Okay. Erstmal tief durchatmen.
Das ist jetzt eine von diesen Scheiß-Phasen, eine von diesen Scheiß-Nächten. Da kommen wir durch. Tick-Tack macht die Uhr und alles was wir tun müssen, ist, sie gewähren zu lassen. Hier ein kleiner Leitfaden zur Bekämpfung von akuten Suizidgedanken. 
Stufe 1 heißt: Suizid abwenden. Sofort Gesellschaft suchen.
Natürlich hast du keinen Bock, ausgerechnet jetzt irgendwelche Menschen zu sehen, mit irgendwem zu reden. Aber da kommst du nicht drum herum. Das ist es, wie Menschen funktionieren. Sie tauschen sich aus. So sind wir gestrickt und unser Gehirn reagiert darauf. Also geh und such dir einen Gesprächspartner. Familie und Freunde - das ist der Idealfall. Hat man aber nicht immer. Familie vielleicht nie gehabt, Freunde vielleicht schon alle vergrault. Dann also Nachbarn und flüchtige Bekannte. Die kannst du nicht belästigen? Oh doch, klar, kannst du. Wenn man es genau nimmt, geht es schließlich um dein Leben. Geh zu irgendeinem Menschen der dich irgendwann mal angelächelt hat und sage ihm, dass es dir im Moment sehr schlecht geht und du das Gefühl hast, es wäre nicht gut, wenn du die nächsten Stunden alleine verbringst. Sie werden dich nicht wegschicken.
Auch gut: Sorgentelefone!
Nicht gut: Ärzte (sorry, eigene Erfahrung. Das größte Maß an Empathie, das ich beim Anruf bei einer diensthabenden Klinikärztin mal entgegengebracht bekam war "Suchen Sie morgen Ihren Therapeuten auf". Was soll man darauf antworten? Vielleicht: "In Anbetracht der Tatsache, dass ich morgen schon tot sein könnte, meinen Sie wirklich aufsuchen oder eher heimsuchen?")
Absolut nicht gut: Internet! Lass die Finger vom Internet, wenn es dir schlecht geht! Was Du jetzt brauchst, sind reale Lebewesen, keine virtuellen!!!
Aber was sollst du mit ihnen reden, sie werden dich ja eh nicht verstehen. Nein, das stimmt. Wie sollen sie verstehen, was in dir vorgeht. Aber darum geht es gar nicht. Das ist es nicht, worauf es ankommt. Lass sie ruhig ihre gut gemeinten, hilflosen Versuche starten, dich aufzumuntern. Hab Nachsicht. Du musst weg von der Idee, dass Kommunikation immer ein sinnvolles Ziel verfolgen muss und zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen ist. Das ist es nicht. Kommunikation ist einfach nur Reden. Das kann über deine Gefühle sein oder nur über die Holzqualität des Schrankes, der vor dir steht. Kommt auf´s gleiche raus. Unser Gehirn macht da keinen Unterschied. Hauptsache, du redest mit jemandem. Das ein oder andere Endorphin wird dabei ausgeschüttet und bringt dich aus dem gröbsten schwarzen Loch schon mal heraus.
Und Finger weg vom Alkohol!!!
So. Die Nacht wäre überstanden. Ein dickes Dankeschön und jetzt raus ins erste Sonnenlicht. Igitt, Sonnenlicht! Sie scheint dich auszulachen, die Sonne. Sonne verlangt nach glücklichen Menschen, nach Lachen, Sport und Freunde treffen. Blödsinn! Es ist egal, was du von der Sonne hältst. Nur in deinem Verstand macht sie dich traurig. Dein Körper aber reagiert auf Sonnenlicht. Sie regt die Ausschüttung von Serotonin im Gehirn an und Serotonin ist ein Botenstoff, der auf deine Gefühle Einfluß nimmt. Kommt er an den für ihn vorgesehenen Rezeptoren im Hirn an, so wirkt er lösend und entspannend. Ich glaube, das könntest du jetzt gut gebrauchen.
Die erste Aufgabe des Tages lautet jetzt für dich: Ein Blümchen oder Pralinchen kaufen gehen für den Samariter. Wenn du kein Geld hast. Bastel etwas! Und dabei gehst du Stufe 2 an.
Stufe 2 heißt: Suizidalität im größeren Rahmen abbauen. Künftigen Eskalationen prophylaktisch entgegenwirken.
Da klopfst du dir vor Lachen auf die Schenkel. Ich weiß, klingt irgendwie ziemlich utopisch, geradezu aberwitzig: Suizidalität abbauen: *lol*
Aber für Borderliner gibt es tatsächlich einen Weg. Den musst du aber ziemlich stur verfolgen, auch wenn es anfangs so sinnlos erscheint wie das Pflanzen von Tulpenzwiebeln in einen Topf mit Bienenwachs.
Schritt für Schritt führt dieser Weg dich aber auf ganz natürliche Weise aus der Gefahrenzone. Und die Schritte sind im Prinzip nicht mal anstrengend, wenn man erst mal die Marschrichtung und den Laufrhythmus verinnerlicht hat.
Der erste Schritt ist (Alle Therapeuten und Angehörige jetzt bitte Augen und Ohren zuhalten!):
Erlaube dir, zu sterben.
Aber die Eltern, aber die Kinder! Aber die Schulden, aber die Wohnung! Aber der liebe Gott, der mag das ja auch nicht! Scheißegal!
Das ist ganz allein dein Leben und ganz allein du entscheidest, ob du diesen Mist weiter ertragen kannst oder nicht!
Okay, du erlaubst dir, zu gehen. Stell dir vor, wie du gehst. Ich selbst vergleiche diese Vorstellung immer mit Eierlikörtorte. Hmmm - wundervoll. So ein richtig gutes Stück Eierlikörtorte, das wär´s jetzt!
Sich selbst den Freitod zu gestatten ist gar nicht so einfach. Zu viel schlechtes Gewissen hält uns davon ab. Verpflichtungen und Verantwortung. Aber davon musst du dich lösen. Wenn es allein diese Dinge sind, die dich vom Suizid abhalten, dann hat das noch lange nichts damit zu tun, sich für´s Leben zu entscheiden. Es heisst erstmal nur, sich gegen den Tod zu entscheiden. Die Suizidalität und damit die Lebensunfähigkeit bleibt.
Für alle wird gesorgt sein, auch wenn du weg bist. Jeder Mensch ist entbehrlich. Du kannst gehen.
Da stehst du also und du hast dir bis in jede letzte Konsequenz gestattet, zu gehen. Ganz aufrichtig. Hast mit allem abgeschlossen.
Und jetzt kommt der zweite Schritt:
Geh nicht.
Schieb es auf.
Du hast die Karte in den Tod reservieren lassen, indem du ihn dir gestattet hast. Er läuft dir nicht mehr weg. Der Zeitraum zwischen dieser Entscheidung (so sie konsequent war) und dem eigentlichen Suizid ist reine Freiheit. Von hier an hast du keine Verpflichtungen mehr, denn was könnte jetzt mehr von Belang sein, was nach deinem Tod weniger von Belang wäre. Nichts ist mehr von Belang, sonst hättest du dir ja den Tod nicht gestatten können.
Dieser Zustand der Freiheit ist es, der es dir ermöglichen wird, die nächsten Schritte zu gehen. Deswegen werden wir ihn nun immer weiter hinauszögern. Bis diese Feiheit Teil unseres Lebens geworden ist.
Leben. Genau. Richtiges, echtes Leben.
Dritter Schritt: Finde das Ende des roten Strangs, an dem du ziehen kannst. Der rote Strang heißt: Authentizität. Schau dich um, du wirst ihn nicht entdecken. Nichts scheint dir authentisch, nicht scheint dir wirklich etwas zu bedeuten. Borderliner haben größte Probleme damit, ein eigenes, authentisches, dauerhaftes Ich zu empfinden. Ich frage dich: Was wünschst du dir? Und du sagst: Woher soll ich das wissen? Heute das eine, morgen was anderes.
Nein, im Moment kannst du das noch nicht wissen, kannst es noch nicht sehen, aber wir finden das. Wir brauchen nämlich deinen "letzten Wunsch". Wir brauchen etwas, was du noch unbedingt tun willst, bevor du gehst.
Du willst gar nichts? Du willst gleich gehen?
Ich weiß.
Aber wir hatten ja vereinbart, dass wir hier noch ein bisschen was ausprobieren. Noch ein bisschen mit dem Zustand der Freiheit herum experimentieren.
Nagut, sagst du, dann willst du also vorher unbedingt noch deine Sachen regeln, damit niemand eine Last hat mit deinem Tod.
Blödsinn. Ist das authentisch? Da spricht doch nur wieder das schlechte Gewissen, die Schuld, die Pflicht. Was soll das denn für ein letzter Wunsch sein! *kopfschüttel*
Fällt dir nichts anderes ein?
Okay, dann müssen wir halt ein bisschen wühlen. Wenn du dir jetzt nichts wünschst, dann hast du dir vielleicht früher mal was gewünscht? Als Kind, als Teenie, als junger Erwachsener? Einmal mit Delfinen schwimmen? Einmal einen Eintopf in einem natürlichen Geysir kochen? Einmal ein Buch schreiben oder eine selbstangebaute Wassermelone ernten? Oder ein Flugzeug fliegen? Ein kleines Café betreiben?
Alles ist erlaubt, außer Dingen, die anderen Menschen schaden (z.B. den Ex umbringen) und Dinge, die im Einflussbereich anderer Menschen stehen (z.B. den Ex zurückhaben wollen). Wünsche wie "Ich möchte eine glückliche Ehe" sind unnütz, denn dazu gehören zwei. "Ich möchte ein Kind" taugt auch nicht, denn damit ziehst du einen anderen Menschen mit rein, schadest deinem potentiellen Kind.
Hast du einen letzten Wunsch gefunden? Auch, wenn du ihn vielleicht im Moment nicht spürst, sondern dich nur daran erinnerst, dass du dir das mal lange und intensiv gewünscht hast, das ist okay. Manchmal ist man innerlich so tot, dass man keine Wünsche mehr fühlen kann. Aber auch erinnerte Wünsche können funktionieren. Dabei musst du darauf achten, dass der Wunsch, an den du dich erinnerst, dich wirklich eine lange Zeit deines Lebens mal begleitet hat oder aber immer wieder da war. Nur, wenn er beständig war, war er möglicherweise authentisch.
Dieser Wunsch ist jetzt das Ende unseres roten Strangs.
Jetzt heißt es: Festhalten und langsam ziehen bzw. dran entlang hangeln, hinaus aus dem Sumpf. Und so geht´s:
Dieser Wunsch ist ein Glaskasten, den du um dein gebuchtes Ticket in den Tod drum herum gebaut hast. Wir schließen das Ticket erstmal gut weg. Keine Sorge, es ist ja da. Du hast es sicher. Aber zunächst mal wollen wir noch deinen letzten Wunsch erfüllen.
Wie bitte? Das ist nicht so einfach? Erfolgreicher Wassermelonenanbau kann Jahre des Übens brauchen und zum Fliegen eines Flugzeuges müsstest du erst einen Pilotenschein machen? Geysire gibt es nur in Island und für die Reise brauchst du Geld? Prima. Je zahlreicher die Hürden, die dich von der Erfüllung deines Wunsches ("Aber ich will doch gar nicht!" - "Nix da, das wird jetzt durchgezogen!") trennen, desto fruchtbarer die Übung. Geh das an. Schreib genau auf, welche großen und kleinen Hürden du nacheinander nehmen musst. Für die Melonen brauchst du einen Garten. Hast du nicht? Kannst du vielleicht irgendwo einen mieten? Lies Fachliteratur, tausch dich mit anderen Gärtnern aus. Du brauchst Geld für die Islandreise? Wie könntest du es zusammen bekommen? Wo gibt es günstige Reisemöglichkeiten. Kann man vielleicht sogar einen Job in Island annehmen und bekommt die Reise dadurch bezahlt? Dann musst du wohl vorher die Sprache lernen. Okay, dann los! Wo ist der nächste Sprachkurs! Oh shit! Keine Sprachkurse für Island-Auswanderer! Das wird ja immer verzwickter. Aber es gibt auf jeden Fall eine Lösung!
So unsinnig dir diese Gedanken und Unternehmungen auch anfangs vorkommen werden - merkst du, dass es seit Jahren das erste Authentische ist, was du tust? Zum ersten Mal tust du etwas ohne darüber nachzudenken, welche Wirkung es auf andere haben könnte und was andere wohl von dir erwarten. Zum ersten Mal tust du etwas, ohne dass es mit einem Modell dessen, was du gerne sein würdest, in Verbindung steht. Du tust irgendeinen Quatsch, aber er ist echt, er kam irgendwo aus dir und du tust ihn nur für dich. Du eiferst diesmal nicht irgendeiner Traumwelt nach, einer neuen Idee vom perfekten Leben. Es ist nicht etwas, womit du nach außen bestehen willst, im Gegenteil, vielleicht erntest du sogar Kritik. Aber du bleibst dran.
Mach das bitte sehr ernsthaft und setze deine Bemühungen diesbezüglich langfristig an. Gerade die etwas schwierigen Wünsche eignen sich gut. Und denke nicht daran, ob deine Familie das unterstützt, ob es vernünftig ist oder ob es irgendjemandem etwas bringt. Natürlich bringt es niemandem etwas, wenn du ein Flugzeug fliegst. Aber es bringt dir das Leben zurück. Und wann immer du dich erneut in die Tretmühle gesogen fühlst, aus Verpflichtungen und Erwartungen, dann denke an Eierlikörtorte. Denke an das Ticket im Glaskasten. Niemand kann dich mehr in Verpflichtungen einbinden, denn du hast ein Ticket gebucht. Eigentlich bist du nämlich schon gar nicht mehr da. Du musst nur noch schnell etwas erledigen, etwas zu Ende bringen. Lass dich nicht stören. Du hast längst ausgecheckt. Keiner verlangt von einem Häftling, der gerade seine Henkersmahlzeit einnimmt, dass er noch mal eben seine Zelle fegt.
Bis hierhin musst du wirklich verdammt konsequent sein, mit dir und mit anderen. Und bis hier hin musst du dir auch immer wieder in Erinnerung rufen, dass du dir den Suizid gestattet hast.
Aber ab hier wird es interessant und immer leichter.
Was du nämlich da machst, ist de facto ein Training für das Ich-Identitätsgefühl. So wie dein Körper Muskeln aufbaut, wenn du ihn auf Dauern gezielt forderst, so baut auch deine Seele das verkümmerte Identitätsgefühl langsam wieder auf, wenn du es mit zielgerichteten, dauerhaften Übungen forderst.
Während du dich nämlich am roten Strang entlang hangelst, auf dem Weg zur Erfüllung deines "Henkerswunsches" (während du also die Tulpenzwiebeln in das Bienenwachs drückst und noch immer nicht recht weißt, warum du das tust), entdeckst du plötzlich am Wegrand Fragmente ganz anderer Wünsche. Langsam und fast unmerklich sammelst du so Teile deiner Authentizität auf. Stückchen für Stückchen setzt du dich neu zusammen. Da werden sich immer mehr authentische Wünsche finden. Ursprünglich wolltest du vielleicht nur mit den Delfinen schwimmen (warst dir dessen nichtmal mehr so sicher), aber inzwischen hast du bemerkt, dass du von ganzem Herzen Journalismus studieren willst. Das wusstest du immer, hattest es aber verdrängt. Irgendwann treten die Delfine vielleicht sogar vor den neuen, größeren authentischen Wünschen zurück. "Good bye and thank you for the fish".
Frag nur immer bei jedem neuen Wunsch: Ist es echt? Ist es authentisch? Erkenne ich es wieder? Oder ist es nur ein Modell, eine Vorstellung vom gesunden Ich, etwas, wie ich gerne sein würde, etwas, wie ich funktionieren könnte. Letzteres taugt nix. Aussortieren!!!
Und du wirst feststellen, dass du leistungsfähiger wirst, dass du wieder Dinge tun kannst, die vorher nicht mehr erträglich waren. Weil du ein Ziel hast. Vielleicht auch mehrere kleine Ziele. Bruchstücke deines echten Ichs. Es sind keine Modelle, sondern es sind echte Ziele. Und da arbeitest du hin. Egal, ob das für andere Sinn macht oder nicht. Und wenn es keinen Sinn macht, dann erfüllt es doch zumindest diesen: Es hält dich am Leben! Sorge bewusst dafür, dass in dem täglichen Chaos, das die Borderline-
Erkrankung dir beschert, diese authentischen Wünsche immer stabil vor dir stehen. Wenn du wieder mal keinem deiner Gefühle trauen kannst, wenn du wieder stündlich zwischen den Extremen wechselst, stündlich ein anderer Mensch bist, dann sind deine authentischen Wünsche dein Fixpunkt, an den du deinen Blick heften kannst, damit dir nicht schwindelig wird. Und wenn deine Familie und Freunde dich in die Mangel nehmen, warum du denn nur solche Flausen im Kopf hast und unter allen Umständen versuchen, dich zur "Vernunft" zu bringen, dann hab kein schlechtes Gewissen, lass dich nicht irritieren. Wenn sie wüssten, dass es zunächst nur diese Dinge sind, die dich vom Suizid abhalten und später genau diese Dinge sind, die dich zu einer lebensfähigen Person machen, dann würden sie dich mit Freude gewähren lassen, vielleicht sogar unterstützen.
Und wenn du eines Tages dein Ticket im Glaskasten einlöst, dann versichere dich, dass du wirklich alle authentischen Wünsche vom Wegrand aufgepickt hast.
Du dürftest dann so ungefähr um die 80 sein.
Ich wünsche dir viel Spaß mit deinem Leben!
Only my two cents, Blossom:)
Blossom 2005